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Wer Gewaltschutz mit Zuwanderung in Verbindung bringt, lenkt von den wahren Ursachen ab

Gewaltschutz wird immer wieder rassistisch instrumentalisiert – auf Kosten der Frauen, die Schutz am dringendsten brauchen.

Häusliche Gewalt und Femizide werden in der öffentlichen und politischen Debatte immer wieder mit Migrations- bzw. Zuwanderungsdebatten in Verbindung gebracht – als vermeintlicher Beleg für eine besondere Gefährlichkeit bestimmter Herkunftsgruppen. Zum Ende der Internationalen Wochen gegen Rassismus am kommenden Freitag macht Frauenhauskoordinierung e.V. (FHK) klar: Diese Darstellung ist falsch. Sie schadet Betroffenen und lenkt von den tatsächlichen Ursachen von geschlechtsspezifischer Gewalt ab. 

Was zeigen die Daten? 

Häusliche Gewalt findet im sozialen Nahfeld statt: Partner, Ex-Partner, Familienangehörige – Menschen, die den Betroffenen bekannt sind und mit denen sie oft besonders verbunden sind. Herkunft ist dabei kein Risikofaktor. Patriarchale Gewalt ist kein importiertes Problem – sie existiert in allen Gesellschaften. 

Das bestätigt zum Beispiel auch die Tübinger Femizid-Studie, die über 300 Femizide in Deutschland analysiert hat. Die Tätergruppe ist heterogen; die Taten lassen sich nicht einseitig kulturell erklären, sondern sind Ausdruck patriarchaler Strukturen, die in allen Gesellschaften existieren.  

Bei zwei Dritteln der untersuchten Partnerinnenfemizide fanden sich Hinweise auf sexistische Einstellungen und Kontrolldenken – Täter beanspruchten eine beherrschende Stellung gegenüber ihrer Partnerin. In 72 Prozent der Fälle war der Anlass eine tatsächliche oder befürchtete Trennung: Hier ist also Kontrollverlust das Tatmotiv – unabhängig von der Nationalität oder Herkunft. 

Es geht um strukturelle Benachteiligung 

Wo Menschen mit Migrationserfahrung in Kriminalstatistiken überrepräsentiert sind, liegt das nachweislich nicht an der Herkunft selbst. Das ifo Institut hat 2025 auf Basis der Polizeilichen Kriminalstatistik von 2018 bis 2023 festgestellt: Ein kausaler Zusammenhang zwischen Migrationserfahrung und Kriminalität lässt sich nicht belegen.  

Ausschlaggebend sind herkunftsunabhängige Faktoren – etwa der Wohnort: Menschen mit Migrationserfahrung leben überproportional häufig in Ballungsräumen mit höherer allgemeiner Kriminalitätsdichte. Hinzu kommen strukturelle Benachteiligungen: höhere Armutsquoten, geringere Bildungszugänge und Arbeitslosigkeit. Diese sozioökonomischen Faktoren erhöhen das Gewaltrisiko – nicht die Herkunft selbst. 

Rassistische Instrumentalisierung schadet Betroffenen 

Wenn Gewaltschutz mit Zuwanderungsdebatten in Verbindung gebracht wird, hat das direkte Folgen – und zwar für Frauen mit Migrationserfahrung. Wenn sie von häuslicher Gewalt betroffen sind, zögern sie häufiger, Hilfe zu suchen – aus Angst vor aufenthaltsrechtlichen Konsequenzen, vor Behörden oder vor gesellschaftlicher Stigmatisierung. Ihr Zugang zu Schutz und Unterstützung ist damit strukturell erschwert.  

Wer häusliche Gewalt als „Migrationsproblem” bezeichnet, lenkt außerdem von den eigentlich erforderlichen Antworten ab, die das Problem so dringend braucht. Man lädt die Verantwortung auf „die Anderen” ab – und entzieht sich damit der eigenen. Die eigentlichen Antworten auf Gewalt gegen Frauen liegen woanders: in konsequenter Gleichstellungspolitik, in einem ausreichend und langfristig finanzierten Hilfesystem, in der gesellschaftlichen Ächtung patriarchaler Kontrollansprüche und entsprechender Prävention.  

FHK macht sich für ein Gewaltschutzsystem stark, das alle Frauen erreicht – unabhängig von Herkunft, Aufenthaltsstatus oder sozioökonomischer Lage. Gewaltschutz muss intersektional gedacht werden: inklusiv, barrierefrei und frei von rassistischen Verzerrungen. 

(Foto: Pexels/Ivan S)


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