Newsletter
 
 

Demo zum feministischen Kampftag - Rede von Frauenhauskoordinierung e.V. (FHK)

FHK war am 8. März in Berlin im Demo-Block „Gewaltschutz jetzt“ dabei – mit einer Rede über Solidarität, Lücken im System und darüber, was Gewaltschutz wirklich braucht.

Liebe Feminist*innen, Freund*innen und allies, liebe alle, 

wir stehen heute hier am 8. März, am feministischen Kampftag, als Frauenhauskoordinierung e.V (FHK). Wir vertreten die Perspektiven von Frauenhäusern und Fachberatungsstellen in ganz Deutschland und damit die Perspektive derjenigen, die jeden Tag Betroffene patriarchaler Gewalt begleiten, schützen und unterstützen. Wir stehen hier heute an der Seite von Betroffenen, Kolleg*innen und allen, die täglich gegen patriarchale Gewalt arbeiten und für eine feministische Zukunft einstehen. Danke für eure Arbeit. Danke für eure Kraft. Danke dafür, dass ihr jeden Tag trotz diverser Hürden weiterkämpft.  

Wir erleben jeden Tag die Realität: überfüllte Frauenhäuser, überarbeitete und unterbezahlte Fachkräfte, fehlende Plätze, lange Wartezeiten, bürokratische Hürden. Und trotzdem wird Gewalt immer noch zu oft als individuelles Problem und zu selten als gesamtgesellschaftliche Aufgabe dargestellt. Aber Gewalt ist kein individuelles Versagen. Gewalt ist Ausdruck von Machtverhältnissen. Wer Gewalt individualisiert, verschleiert die Ursachen und die Verantwortung. Gewaltschutz ist eine Aufgabe für uns alle.  

Am feministischen Kampftag über Gewalt sprechen bedeutet auch darüber zu sprechen, wer besonders gefährdet ist.Besonders gefährdet sind Menschen, die in dieser Gesellschaft mehrfach diskriminiert werden und an unterschiedlichen Stellen auf Hürden treffen, unsichtbar gemacht und nicht gehört werden: Frauen mit Rassismuserfahrungen. Behinderte Frauen. Wohnungs- und obdachlose Frauen. Trans Frauen und nicht-binäre Personen. Die Menschen, die Schutz am dringendsten brauchen, erreichen unsere Systeme oft zuletzt. Sie stoßen auf Barrieren. Auf Misstrauen. Auf Ausschlüsse. Und manchmal, so ehrlich müssen wir sein, stoßen sie auf diese Barrieren auch in unseren eigenen Strukturen und Reihen. Wenn Schutz nicht bei den am meisten Gefährdeten ankommt, dann ist es kein Schutz. Und umgekehrt gilt: Wenn die am meisten marginalisierten Menschen geschützt sind, dann sind wir alle besser geschützt. 

Deshalb müssen wir auch über politische Maßnahmen sprechen. Neue Instrumente, wie die elektronische Fußfessel, werden oft als große Lösung präsentiert, so zuletzt auch von der Bundesregierung. Aber Technik ersetzt keine Schutzräume, keine Prävention, keine Täterarbeit, keine Dolmetschung und keine 24/7‑Erreichbarkeit. Sie kann ein Instrument sein – wenn sie in ein funktionierendes, finanziertes, barrierefreies System eingebettet ist. Vom spanischen Modell sind wir weit entfernt, weil zentrale Bausteine hier gar nicht umgesetzt werden. 

Und während wir mit unzureichenden Lösungen und einem prekären Gewaltschutzsystem arbeiten, wird Gewaltschutz immer wieder rassistisch instrumentalisiert. Gewalt wird benutzt, um rassistische Narrative zu bedienen und ganze Communities zu stigmatisieren und kriminalisieren. Aber patriarchale Gewalt ist kein importiertes Problem. Sie existiert überall. Wer Gewaltschutz rassistisch ausschlachtet, bekämpft nicht Gewalt, sondern spaltet unsere Gesellschaft auf Kosten der am meisten marginalisierten und von Gewalt betroffenen Menschen. 

Und auch wir selbst müssen uns fragen: Wo schließen wir Menschen aus? Wo handeln wir paternalistisch? Wo fehlen Barrierefreiheit, Mehrsprachigkeit oder echte Teilhabe? Denn echte feministische Solidarität bedeutet auch, kritisch auf unsere eigenen Strukturen zu schauen.  Denn Solidarität ist kein Gefühl.Solidarität ist gelebte Praxis.  

Ja, wir haben viele Fortschritte erreicht. Das Gewalthilfegesetz ist ein wichtiger Schritt und eine große Errungenschaft. Aber Rechte, die nur für manche gelten, sind keine Rechte. Wenn Transpersonen ausgeschlossen werden, wenn Migrant*innen keinen Zugang haben, wenn Menschen ohne festen Wohnsitz durchs Raster fallen, dann ist das kein umfassender Gewaltschutz. Rechte dürfen nicht auf Kosten anderer entstehen. Es ist unser aller Pflicht, hier nicht nachzugeben, sondern uns lautstark dafür einzusetzen, dass beim Gewaltschutz keine Kompromisse zugunsten mancher aber zum Nachteil anderer gemacht werden. Gerade jetzt, in einer Zeit des Rechtsrucks, in einer Zeit, in der Intersektionalität, Vielfalt und feministische Politik angegriffen werden, dürfen wir nicht leiser werden. Unsere Antwort ist daher klar: Menschenrechte sind nicht verhandelbar. Gewaltschutz ist nicht verhandelbar. 

Die Kolleg*innen in Frauenhäusern sehen jeden Tag, wo das System versagt – und was Betroffene wirklich brauchen. Als Frauenhauskoordinierung fordern wir daher: 

  • einen echten Rechtsanspruch auf Schutz und Beratung. Barrierefrei. Mehrsprachig. Niedrigschwellig. Unabhängig von Aufenthaltsstatus, Einkommen oder Geschlechtseintrag. 

  • Wir fordern eine verlässliche Finanzierung von Schutzräumen, Beratungsstellen und Facharbeit. 

  • Und wir fordern bessere Arbeitsbedingungen für die Fachkräfte, die diese Arbeit jeden Tag tragen. Die Kolleg*innen in Frauenhäusern leisten diese Arbeit oft unter enormem Druck. Gute Unterstützung für Betroffene braucht gute Arbeitsbedingungen für Fachkräfte. 

Aber wir wissen auch: Gewaltschutz entsteht nicht nur durch Gesetze. Er entsteht auch durch solidarische Strukturen. Durch Netzwerke. Durch gegenseitige Unterstützung. Durch Communities, die füreinander einstehen. Deshalb stehen wir heute hier. Weil unsere Wut berechtigt ist. Aber auch, weil unsere Solidarität stärker ist. 

Lasst uns laut sein. Lasst uns sichtbar sein. Lasst uns gemeinsam kämpfen. Für einen umfassenden, intersektionalen und solidarischen Gewaltschutz – jetzt. Danke euch. 

Sheena Anderson, Referentin für das Projekt „Intersektionalität im Frauenhaus begegnen


Bitte wählen Sie Ihre Sprache

Übersetzung bereitgestellt durch GTranslate. Durch die Nutzung der Übersetzungsfunktion werden Texte unserer Website in andere Sprachen übertragen. Für Details zum Datenschutz siehe unsere Datenschutzerklärung.