Newsletter
 
 

Interview mit einer der Gründerinnen des 1. Frauenhaus - 50 Jahre Frauenhäuser in Deutschland

Vor 50 Jahren arbeitete Karin Kaltenberg-Wulf von Beginn an im 1. Frauenhaus der BRD mit. Ein Gespräch über Aufbruch, Grenzen und Solidarität.

Frauenhauskoordinierung e.V. (FHK): Wie sah Ihr Leben aus, bevor Sie zum ersten Mal von der Idee eines Frauenhauses hörten?

Karin Kaltenberg-Wulf: Ich bin eine „Frauenbewegungsfrau“ der ersten Stunde. 1972 haben wir das Frauenzentrum in Berlin-Kreuzberg eröffnet und für mich war damals die Arbeit gegen den Paragrafen 218 am Wichtigsten. Wir haben Demonstrationen organisiert und als 218-Gruppe Beratungen angeboten; denn zu dieser Zeit waren keine legalen Schwangerschaftsabbrüche in Berlin möglich. Wir haben also politisch und praktisch zu diesem Thema gearbeitet. Im Frauenzentrum gab es regelmäßig Plena.  und dort kam irgendwann das Thema Frauenhaus auf. Einige waren nach London gereist und Christina Perincioli drehte den Film über das dortige Frauenhaus „Die Macht der Männer ist die Geduld der Frauen“, Erin Pizzey schrieb das Buch „Schrei leise“. Das waren die Anstösse für eine Initiativgruppe zum Thema Frauenhaus im Frauenzentrum Berlin. Nach einiger Vorarbeit dieser Gruppe und in einer günstigen politischen Situation zeigte sich, dass ein Modellversuch für das 1. Berliner Frauenhaus finanzierbar war.

Wie sind Sie Teil der Gründungsgruppe geworden?

Ich war vor der eigentlichen Gründung schon am Rande beteiligt, aber nicht federführend – ich kannte aber einen Großteil der Frauen, die sich dabei besonders engagierten. Als der Stellenplan für das Haus entstand und darin zwei Erzieherinnenstellen vorgesehen waren, kam die Idee auf, dass ich – zu dem Zeitpunkt selbst Erzieherin – eine dieser Stellen übernehmen könnte. Das fand ich sofort eine gute Idee. Das Engagement im Frauenzentrum selbst war übrigens rein ehrenamtlich; es war ein loser Zusammenschluss engagierter Frauen aus der autonomen Frauenbewegung, mit verschiedensten Themengruppen. Aus diesen Gruppen entstanden später die ersten Frauenberatungsstellen und - Gesundheitszentren. 

Wie hat Ihr Umfeld darauf reagiert, dass Sie in dem neuen Frauenhaus arbeiten wollten? 

Zu dem Zeitpunkt arbeitete ich als Erzieherin in einer Eltern-Kind-Gruppe in Berlin-Zehlendorf. Diese Stelle habe ich für die Gründung des Frauenhauses gekündigt – und bin dabei auf eine überraschend positive Resonanz gestoßen. Die Eltern fanden das Projekt hochspannend und haben mir zum Abschied sogar noch Urlaubstage geschenkt, damit ich zur Eröffnung ausgeruht sein würde. Das hat mich damals sehr bestärkt.

Erinnern Sie sich an den Tag, an dem Sie zum ersten Mal in dem Haus standen, bevor die erste Frau eingezogen war?

Wir bekamen das Haus zum 1. Oktober, die offizielle Eröffnung war für den 1. November geplant. Wir hatten uns diesen einen Monat dazwischen als Vorbereitungszeit vorgestellt, um zu klären, wie das Haus eingerichtet werden sollte und was wir an Material brauchen würden. Dazu kamen wir aber nie, denn schon am 2. Oktober stand die erste hilfesuchende Frau vor der Tür. Wir wurden von Anfang an überrannt und mussten alle organisatorischen Fragen im laufenden Betrieb klären.


Das erste Protokoll- und Tagebuch

Offizieller Eintrag im Tagebuch

Eintrag aus dem Aufnahmebuch


Zur Auswahl des Hauses selbst: Weil man uns als Gruppe „junger, wilder Feministinnen“ nicht recht traute, mussten wir einen Trägerverein gründen – gemeinsam mit „anerkannten Frauen“ aus dem öffentlichen Leben, unter anderem Barbara von Renthe-Fink, mit der ich später eng zusammenarbeitete. Sie war beim Roten Kreuz, dem das Gebäude gehörte. Wir brauchten ein großes Haus, da wir nicht wussten, wie viele Frauen tatsächlich kommen würden, und wir wollten unbedingt einen Garten als Pufferzone, damit gewalttätige Männer nicht direkt vor der Tür stehen konnten. Das Haus hatte große Schlafsäle mit Stockbetten, eine große Gemeinschaftsküche im Souterrain und einen kleinen Bürotrakt. Dieses Haus zu mieten war eine gute Entscheidung, auch wenn es später Spannungen mit der wohlhabenden Nachbarschaft gab. 

Ich war auch im Vorstand des Trägervereins, in dem sich der Kreis der „seriösen“ Frauen und wir zu einer Gemeinschaft zusammengefunden hatten. Dadurch war ich in die Entscheidungsprozesse mit eingebunden.

Wie war das für Sie, als die ersten betroffenen Frauen vor der Tür standen? 

Wir hatten uns vorher intensiv mit der Frage auseinandergesetzt, warum wir ein autonomes, von einem Verein betriebenes, Frauenhaus eröffnen wollten: Keine behördliche Struktur, kein Heim, kein Aufnahmeverfahren, sondern ein vom Gedanken der Solidarität unter Frauen betriebenes Haus, möglichst ohne Hierarchien. Auch wenn es natürlich Unterschiede gab: Die einen als Hilfesuchende, die anderen als bezahlte Mitarbeiterinnen. Die Bewohnerinnen sollten von Anfang an in die Entscheidungsprozesse und Abläufe einbezogen werden. Dazu fanden wöchentliche Hausversammlungen statt. 

Trotzdem hatten wir, wie viele damals, unbewusste Vorurteile, zum Beispiel die Vorstellung, häusliche Gewalt sei vor allem ein Problem sogenannter „Unterschichtfrauen“. Eine der allerersten Bewohnerinnen war aber die Frau eines bekannten Staatsanwalts, was uns überraschte und zeigte, wie wenig wir tatsächlich davon wussten, was auf uns zukommen würde. Ich saß als junge Erzieherin plötzlich einer gestandenen Staatsanwaltsgattin gegenüber, die Hilfe suchte. Man kann sich im Vorfeld vieles überlegen, aber etwas ganz anderes ist es, wenn die Realität eintritt – wenn nicht nur wenige Frauen kommen, sondern viele und wenn diese ihre Kinder mitbringen, die die Gewalt gegen die Mutter erleben mussten und oft selbst Gewalterfahrungen hatten.  Wir waren als Team selbst neu zusammengewürfelt, kamen aus unterschiedlichen Berufen und hätten eigentlich mehr Zeit gebraucht, um als Team zusammenzuwachsen. Stattdessen wurden wir buchstäblich ins kalte Wasser geworfen.

Was war in den ersten Wochen die größte praktische Herausforderung?

Ganz praktisch: Der Telefonanschluss war bei unserem Einzug noch nicht fertig installiert. Außerdem hatten wir zwar überlegt, dass Kinder mitkommen würden, und einen Spielraum eingerichtet – aber völlig unterschätzt, wie viele es tatsächlich sein würden. Es galt, zu klären, wie und wo die Kinder beschult werden und mit den Lehrkräften vor Ort zu sprechen. Ein Nachtdienst musste organisiert werden. Für die Dokumentation und Kommunikation wurde ein Tagebuch angelegt, in dem eingetragen wurde, welche Frau nachts ankam und ob es besondere Vorkommnisse gab, zum Beispiel mit randalierenden Männern vor der Tür. 

Neben der emotionalen Verarbeitung der Schicksale, die uns begegneten , waren es vor allem die vielen praktischen Fragen, die uns beschäftigten. Eine supervisiorische Begleitung hatten wir nicht und lehnten diese zu dem Zeitpunkt auch aus inhaltlichen Gründen ab. Auch eine Wissenschaftliche Begleitung „von oben“ wollten wir nicht. Wer Wissenschaft betrieb, musste auch in der praktischen Arbeit mitmachen. 

Wie haben betroffene Frauen damals überhaupt von dem Haus erfahren?

Wir haben selbst wenig Öffentlichkeitsarbeit betrieben. Die Eröffnung des Frauenhauses sprach sich über das Frauenzentrum und über Sozialarbeiterinnen herum. Es erschienen ein, zwei Berichte in der Presse. Das reichte aus, damit sich die Existenz des Hauses in kürzester Zeit – auch bei der Polizei – verbreitete. Wichtig war von Anfang an, dass nur die Telefonnummer und keine Adresse veröffentlicht wurde. Das mussten wir auch gegenüber der Polizei und Behörden klarstellen, es war keinesfalls selbstverständlich. Gleichzeitig waren wir darauf angewiesen, dass Taxifahrer oder die Polizei die Frauen zu uns brachten. Im Laufe der Zeit haben Männer das Haus trotzdem öfter gefunden und randaliert, dann mussten wir auch die Polizei holen. 

Zur rechtlichen und medizinischen Unterstützung konnten wir auf ein Netzwerk von Ärztinnen und Anwältinnen zurückgreifen, die ehrenamtliche Beratung anboten und Verletzungen dokumentierten.


Das Gebäude des 1. Frauenhauses

Tagebuch- bzw. Protokollauszug

Eintrag aus dem Aufnahmebuch


Wie haben Sie die Skepsis und den Widerstand gegen die Idee eines Frauenhauses erlebt?

Aus meiner Arbeit gegen den Paragrafen 218 war ich es gewohnt, für eine Sache zu kämpfen, insofern war mir Widerstand nicht fremd. Es gab durchaus auch Zuspruch – ich erinnere mich an eine positive Reportage der Berliner Abendschau, in der ich erklären konnte, dass die Frauen, die zu uns kamen, aus allen Bevölkerungsschichten stammten. Das war uns wichtig, weil hartnäckig das Vorurteil bestand, es handle sich ausschließlich um einkommensschwache Frauen. Die häufigste Kritik an unserer Arbeit in der Öffentlichkeit war aber: Warum arbeiten keine Männer im Haus? Warum beschäftigen wir keine männlichen Erzieher – denn die Kinder sollten ein positives Männerbild vermittelt bekommen? Der Vorwurf, wir würden als Feministinnen die Frauen und Kinder gegen Männer aufhetzen, begegnete uns immer wieder. 

Wie war dann der weitere Kontakt mit Behörden und Politik getreten?

An den eigentlichen Förderanträgen beim Ministerium war ich selbst nicht direkt beteiligt. Sehr viel intensiver war mein Kontakt zu Behörden und Polizei bei der praktischen Aufklärungsarbeit. Es gab damals nur sehr wenige Polizistinnen. Häufig bin ich für Informationsveranstaltungen mit einer der „angesehenen“ Frauen des Trägervereins, Frau Dr. Barbara Renthe Fink, aufgetreten. Sie wurde meine Mentorin. Da mir als „junger Feministin“ häufig nicht richtig zugehört wurde – und ich auch manches Mal radikal formulierte –, vereinbarten wir ein Zeichen. Wenn sie es mir gab, schwieg ich für kurze Zeit und Frau Dr Renthe Fink übernahm. Hinterher sagte sie zu mir: „Sie haben ja Recht, aber wenn Sie es so formulieren, hört Ihnen niemand zu !“  Und wir reflektierten gemeinsam. Eine sehr wichtige Lernerfahrung für mich. 

Wir mussten erklären, dass es nicht nur um Frauen geht, die geschlagen werden und wo Nachbarn die Polizei rufen, sondern dass es Frauen in Not gibt, die plötzlich ohne Papiere auf der Straße sind, und dass das keine Obdachlosen sind, sondern Frauen, die am besten zu uns gebracht werden sollten

Die „öffentlichen Frauen“ des Trägervereins wurden zu tatkräftigen Unterstützerinnen. Sie organisierten Spenden, besorgten einen VW Bus für die Kinderarbeit und sorgten u.a. dafür, dass wir monatlich Babynahrung geliefert bekamen. 

Wie haben Sie die bewusste Abgrenzung zur klassischen Wohlfahrtsarbeit damals begründet?

Uns war es wichtig, ein eigenes Konzept zu entwickeln, das nicht hierarchisch zwischen „Helferin“ und „Hilfesuchender“ unterscheidet, sondern von Solidarität unter Frauen ausgeht. Viele Frauen hatten bei Ämtern und Polizei schlechte Erfahrungen gemacht: Es wurde ihnen nicht geholfen, nicht geglaubt, im Gegenteil ihnen wurde die Schuld zugewiesen und mit der Wegnahme der Kinder gedroht. Es sei doch nur eine „eheliche Auseinandersetzung“ und sie würden sich sicher wieder vertragen oder so ähnlich. Genau dieses Von-Oben-Herab, dieses „Ich weiß, was für dich gut ist“, wollten wir nicht. Unser Frauenhaus sollte ein Ort sein, in dem Frauen Schutz finden, sich ausruhen können und mit anderen, die ähnliches erlebt haben, austauschen. Das auf dem Hintergrund, dass wir Frauen alle in einer patriarchalen Machtstruktur leben und uns gegenseitig stärken wollen: Frauen gemeinsam sind stark. 


Stempel des 1. Frauenhauses

Öffentlichkeitsarbeit


Wie ist das Konzept für das Frauenhaus eigentlich entstanden und was hat sich im Laufe der Zeit dann daran geändert?

Manche Probleme zeigten sich erst im laufenden Betrieb, etwa die große Zahl an Kindern, mit der wir nicht gerechnet hatten. Ich habe mich daraufhin entschieden, mich ganz auf den Kinderbereich zu konzentrieren, und habe gemeinsam mit Kolleginnen eigene Konzepte für die Kinder- und Jugendarbeit entwickelt. Wir mieteten dafür sogar ein separates Kinderhaus an, zu dem wir die Kinder morgens mit dem gespendeten VW-Bus brachten – das entlastete sowohl uns als auch die Mütter, weil es im ohnehin oft überfüllten Haus dadurch ruhiger wurde. Auch bestimmte Regeln entstanden erst aus der Praxis, zum Beispiel ein Alkoholverbot im Haus. Das führte zwar zu Konflikten, war aber notwendig, auch wenn die meisten Frauen es nachvollziehen konnten. 

Wie würden Sie die Stimmung in der Gründungs-Gruppe beschreiben? 

Gerade in der ersten Phase waren wir eigentlich 24 Stunden am Tag mit dem Frauenhaus beschäftigt. Auch nach der Arbeit trafen wir uns, um das Erfahrene zu verarbeiten und uns „auszuquatschen“. Andere aus dem Team zogen sich eher zurück, jede suchte ihren Weg, das Erfahrene zu bewältigen. Es gab natürlich auch Konflikte untereinander. Ich glaube, wir waren alle wirklich sehr an unseren Grenzen, bis hin zur Überforderung. Aus heutiger Sicht finde ich: Wir waren wirklich ein großartiges Team – Hut ab ! 

Wie war Sie als Team denn strukturiert? 

Wir hatten 10 feste Stellen: Zwei Psychologinnen, zwei Sozialarbeiterinnen, zwei Erzieherinnen, eine Betriebswirtin für die Finanzen, eine Hausmutter. Dazu kam die Wissenschaftliche Begleitung, einige Ehrenamtliche und später auch ABM-Stellen. Wir haben insgesamt gleichberechtigt gearbeitet, jede Arbeit war gleich wichtig, es gab keine Chefin. 

Was hat sich aus heutiger Sicht als besonders wichtige Erkenntnis für Sie aus dieser Zeit herausgestellt?

Vor allem, wie vielfältig die Formen der Gewalt gegen Frauen tatsächlich sind – von subtiler psychischer Unterdrückung, Entzug materieller Mittel, Erniedrigung bis hin zu ehelicher Vergewaltigung, Folter und lebensbedrohender körperlicher Gewalt – sogar bis hin zu Mord. 

Und es fiel uns auf, wie viele Kinder und Jugendliche Opfer von sexuellem Missbrauch und Inzest geworden waren, was in der Öffentlichkeit zu dem Zeitpunkt kein Thema war. Ich habe gelernt, in welchem Ausmaß Gewalt gegen Frauen und Kinder verbreitet ist – mehr, als ich mir vorher hatte vorstellen können – und wie es uns als Gesellschaft und im persönlichen Umfeld gelingt, genau das nicht wahrzunehmen: Ich sehe nicht, was ich nicht sehen will. 


Karin Kaltenberg-Wulf gehörte zu den Frauen, die in den 1970er-Jahren die Frauenbewegung aktiv mitgestalteten. Als Mitgründerin des ersten Frauenhauses in Berlin setzte sie sich dafür ein, Frauen einen sicheren Ort und neue Perspektiven zu geben. Von 1976 bis 1979 arbeitete sie dort als Erzieherin und widmete sich im Laufe dieser Zeit besonders den Kindern der Bewohnerinnen. Dabei war ihr wichtig, Frauen nicht vorzuschreiben, was sie tun sollten, sondern ihnen mit Solidarität und Unterstützung zur Seite zu stehen. 


Gab es Situationen, in denen Sie als Gruppe an Ihre Grenzen kamen?

Besonders schwer war es, wenn Frauen nach Schutz und Beratung im Frauenhaus wieder zu ihrem gewalttätigen Partner zurückkehrten. Das zu verstehen war für uns ein Lernprozess: Welche unterschiedlichen Gründe konnte es dafür geben? Wie halten wir das aus? Und „Du kannst jederzeit wiederkommen“ zu sagen, „die Tür ist auf.“, war eine Herausforderung. Auch in der Öffentlichkeit wurde uns das damals negativ ausgelegt, nach dem Motto: „ Die gehen ja sowieso wieder zurück.“ 

Auch die Belegung selbst war immer wieder eine Herausforderung. Eine Hilfe war, dass der Wohnungsmarkt damals noch nicht so angespannt war, sodass es öfter gelang, einer Frau bzw. Familie eine neue Wohnung zu vermitteln. Die Möglichkeit der Wegweisung gab es noch nicht, d.h. der Täter blieb meist in der ehelichen Wohnung. 

Im zweiten Jahr konnten wir auch eine WG-Wohnung finden, in die mehrere Frauen und Kinder einzogen. 

Wie lange waren Sie im Frauenhaus aktiv, und wie hat sich Ihre Rolle verändert?

Ich war von der Gründung 1976 bis 1979 dabei, also etwa drei Jahre. In dieser Zeit habe ich mich zunehmend auf den Kinderbereich spezialisiert und die allgemeine Frauenberatung abgegeben – für mich persönlich die richtige Entscheidung, mich auf einen Bereich zu konzentrieren, statt zu versuchen, alles gleichzeitig zu leisten.

Wie kam es dazu, dass Sie das Haus verließen?

Ich hatte parallel zur Arbeit im Frauenhaus mit einem Psychologiestudium begonnen, kam aber zeitlich nicht hinterher. Nach Ende der Modellphase hätte ich verlängern können, habe mich aber bewusst dagegen entschieden. Ich merkte, dass ich eine Pause brauchte, um das Studium abzuschließen und das Erlebte zu verarbeiten. Ich hatte das Gefühl, dass diese Auszeit auch für meine psychische Gesundheit notwendig war. 

Damals war das Thema mentale Gesundheit oder Selbstfürsorge ja bei weitem noch nicht so präsent wie heute – wie war dieser Abschied dann für Sie?

Ich habe mich damals durchaus auch geschämt für diesen Schritt – als sei es eine Schwäche, das nicht länger auszuhalten. Im Rückblick war es aber genau die richtige Entscheidung. Ein weiterer Grund für meinen Ausstieg war zudem finanzieller Natur: Ich empfand das Gehalt einer Erzieherin als nicht angemessen für die Verantwortung, die diese Arbeit mit sich brachte – ein Thema, das gerade für Frauen bis heute eine große Rolle spielt.


Tagebücher und Übergabeprotokolle

Öffentlichkeitsarbeit

Flyer und Trillerpfeifen


Was haben Sie beruflich gemacht, nachdem Sie das Frauenhaus verlassen hatten?

Schon während meines Studiums in Berlin und Bremen habe ich mit anderen Frauen ein Konzept für ein Frauentherapiezentrum entwickelt, welches wir nach Studienabschluss und Weiterbildung in Bremen eröffnet haben. Dort arbeitete ich einige Jahre, bis ich mich mit eigener Psychotherapiepraxis selbstständig machte. Mein Schwerpunkt blieb die Arbeit mit Frauen, einzeln und in Gruppen. Parallel habe ich mit meiner Frau eine Frauen-Finanzberatung gegründet und mich intensiv mit der Thematik „Frau und Geld“ beschäftigt. Wichtig war mir dabei, dass Frauen finanziell unabhängig sind/werden, d.h. gut für sich selbst sorgen. Es beschäftigte mich auch die Frage, warum und wie Geld und Liebe sich oft gegenseitig im Weg stehen. In meinen letzten Berufsjahren war ich weiterhin als Psychologische Psychotherapeutin und Coach, sowie in der Geschäftsführung und Personalverantwortung unserer Firma tätig. Mittlerweile bin ich nicht mehr berufstätig. 

Das Thema Gewalt gegen Frauen ist aber immer irgendwie Teil Ihres Lebens geblieben?

Ich habe es nie ganz aus den Augen verloren, wenngleich ich zur aktuellen Frauenhausarbeit selbst keinen intensiven Kontakt mehr habe. Über meine Tochter, die bei der AWO arbeitet, bekomme ich hin und wieder noch etwas mit. Ich hoffe sehr, dass jüngere Frauen dieses Engagement weitertragen.

Das erste Frauenhaus, von dem Sie damals ein Teil waren, musste im Jahr 2000 schließen. Wie haben Sie das erlebt?

Ich habe davon erst deutlich später erfahren, da mein Kontakt zum Haus zu diesem Zeitpunkt bereits abgerissen war. Als ich es erfuhr, hat mich das traurig gemacht. Umso wichtiger finde ich es, dass die Erinnerung an diese Zeit heute wachgehalten wird, etwa durch eine Gedenktafel am ursprünglichen Standort – damit die Leistung der damaligen Frauen nicht in Vergessenheit gerät.


Der Eingang des 1. Frauenhauses

Aus einem Aufnahmebuch


Was ist von der ursprünglichen Idee des Frauenhauses bis heute am wichtigsten geblieben?

Vor allem das Konzept der Autonomie, bzw. dass ein Frauenhaus keine Heimstruktur haben sollte und keine Frau abgewiesen werden darf, wenn kein Platz frei ist! Der Schritt, sich aus einer Gewaltbeziehung zu lösen, bzw. zu fliehen, ist für die Frauen schwer und oft gefährlich. Ich verstehe, dass ein Haus voll belegt sein kann, aber das dürfte kein Grund sein, eine Frau abzuweisen. Es müssen dann andere Auffangmöglichkeiten angeboten werden – so wie bei uns im ersten Frauenhaus dann eben das Sofa im Gemeinschaftsraum. Es darf nicht sein, dass eine Frau zum Täter zurückkehren oder dort bleiben muss, weil kein Platz frei ist. 

Positiv sehe ich, dass sich der Sprachgebrauch – und somit auch die Bestrafung – geändert hat. Es wird weniger verschleiert und bagatellisiert als „häusliche Gewalt“, sondern von Femiziden und Vergewaltigung in der Ehe gesprochen. 

Was würden Sie sich für die nächsten 50 Jahre des Hilfesystems wünschen?

Zum einen, dass die Mitarbeiterinnen in Frauenhäusern gut auf sich selbst achten, denn es ist unheimlich wichtige, aber auch belastende Arbeit. Zum anderen, dass das Thema Gewalt gegen Frauen, sexueller Missbrauch und Femizide weiterhin öffentlich diskutiert und keinesfalls bagatellisiert wird, und dass Täter stärker zur Verantwortung gezogen werden. Wichtig wäre mir zudem, dass verstärkt Männer mit den Tätern arbeiten und auch mehr Präventionskurse angeboten werden. Angesichts der Kriege, die die Welt aktuell erlebt, erscheint mir das umso dringlicher ; denn wir befinden uns eher in einer Phase, in der Gewalt wieder verherrlicht wird, statt Konflikte gewaltfrei zu lösen. 

Worauf blicken Sie besonders positiv zurück, wenn Sie an diese Zeit denken?

Auf die Erfahrung, dass Frau tatsächlich etwas bewegen kann, wenn wir uns zusammentun und uns gegenseitig stärken. Das ist für mich bis heute das Wichtigste: Wenn ich das Gefühl habe, dass sich etwas ändern sollte, kann ich selbst etwas dazu beitragen – und muss das nicht allein tun, sondern gemeinsam mit anderen. Das ist im Grunde der alte Gedanke der Frauenbewegung: Frauen, tut euch zusammen – gemeinsam sind wir stark.


Angabe zu Fotos sofern nicht anders vermerkt: 

FFBiZ - das feministische Archiv e.V. / Recherche und Digitalisierung: Janny Malagia


Online-Dossier zu 50 Jahre Frauenhäuser in Deutschland

 

Von Mitte September bis Anfang November veröffentlicht Frauenhauskoordinierung e.V. (FHK) eine Themenreihe/ein Online-Dossier zur Geschichte und Entwicklung der Frauenhausbewegung in Deutschland. 

Anlass ist der 50. Jahrestag der Eröffnung des ersten Frauenhauses in der BRD am 1. November.


Bitte wählen Sie Ihre Sprache

Übersetzung bereitgestellt durch GTranslate. Durch die Nutzung der Übersetzungsfunktion werden Texte unserer Website in andere Sprachen übertragen. Für Details zum Datenschutz siehe unsere Datenschutzerklärung.