Newsletter
 
 

Die Geschichte der Frauenhäuser in Hamburg - 50 Jahre Frauenhäuser in Deutschland

Zwei Blicke auf das erste Hamburger Frauenhaus: auf seine autonome Gründung – und auf die Unterstützung durch traditionelle Frauenverbände.

Die autonomen Frauenhäuser in Hamburg 1977 bis heute

 

1976 trafen sich im Hamburger Frauenzentrum erstmals Frauen, die sich praktisch gegen Gewalt engagieren wollten. Frauenhausarbeit war für sie Teil der feministischen Bewegung. Und so gründeten sie 1977 das erste autonome Hamburger Frauenhaus.

Feministische Anti-Gewalt-Arbeit

Die Gewaltverhältnisse zwischen den Geschlechtern waren zentrales Thema der Frauenbewegung der 1970er-Jahre. 

„Körperliche und seelische Mißhandlung von Frauen durch Männer sind keine individuellen Schicksalsschläge. Sie sind Folgen unserer gesellschaftlichen Realität.“

 

Das schrieben in den 1980ern die Hamburger Frauenhäuser.1

Diese strukturelle Gewalt war tabuisiert und vorurteilsbelastet, das heißt, den betroffenen Frauen wurde selbst die Schuld gegeben, Gewalt wurde als Privatproblem oder Problem ‚sozialer Randgruppen‘ abgetan. Hilfsangebote und Schutzräume fehlten.

Die Feministinnen der 1970er kritisierten Gewalt in Geschlechterbeziehungen ebenso wie die Lebensform Ehe und Familie. In Selbsterfahrungsgruppen erprobten sie das Recht auf Selbstbestimmung. Schrei leise von Erin Prizzey2, der Gründerin des europaweit ersten Hauses für geschlagene Frauen in London (1971), hinterließ mit Erfahrungsberichten von Bewohnerinnen großen Eindruck.3 In der Bundesrepublik entstanden Initiativen, die ab 1976 autonome Frauenhäuser eröffneten4:5 

„Frauen, die Frauenhäuser gründen oder in ihnen arbeiten, kommen aus der Frauenbewegung und wollen mit ihrer Arbeit gegen die Unterdrückung und Gewalt gegen Frauen in unserer Gesellschaft kämpfen.“

 

Das 1. Hamburger Frauenhaus

Ab März 1976 traf sich im Hamburger Frauenzentrum eine Gruppe, die ein Frauenhaus gründen wollte, in das „körperlich und seelisch bedrohte Frauen zu jeder Tages- und Nachtzeit kommen und Schutz und Unterkunft finden“6 könnten. Am 26. August 1976 gründeten sie den Verein Frauen helfen Frauen e. V., der 1977 schon 40 ‚Mitfrauen‘ – ein Begriff, der dem damaligen Sprachgebrauch in der Frauenbewegung entsprach – hatte.

Die Anfangsphase des Hamburger Frauenhauses prägten „intensive Diskussionsprozesse“.7 Das Haus sollte unabhängig sein, sich kollektiv und basisdemokratisch organisieren. Im Konzept schrieben die Gründerinnen:8 

„Das Hamburger Frauenhaus ist ein autonomes Frauenhaus der Frauenbewegung. Das bedeutet, daß die Struktur des Hauses von seinen Bewohnerinnen selbst bestimmt und mitgetragen wird. […] Das Haus soll ein Ort sein, an dem Mißhandelte sich erholen, neue Kraft schöpfen, zu sich selbst finden können, um ein eigenes, selbstbestimmtes Leben aufzubauen. […] Jede Frau entscheidet für sich selbst. Alle Frauen entscheiden gemeinsam, was im Haus geschieht.“

 

Anfang 1977 bot das Liegenschaftsamt ihnen ein Haus im östlich der Alster gelegenen Hohenfelde an. Es war komplett renovierungsbedürftig – die Arbeiten inklusive der Instandsetzung von Elektrik und Sanitäranlagen führten die Frauen mangels Geld selbst durch; die Einrichtung bestand aus Spenden und Sperrmüllfunden.9 Am 28. August 1977 eröffnete das Frauenhaus, die ersten Bewohnerinnen erlebten eine Mischung aus ‚Baustelle, Chaos und Sicherheit‘. 

30 Jahre später erinnerte sich eine von ihnen1011

„So chaotisch, wie das Haus war, das hat mir auch ’ne Menge Power gegeben. Selbstorganisation, Selbstbestimmung, das ist auch eine Utopie gewesen.“

 

Die Grundsätze des Frauenhauses gelten bis heute: Keine Frau wird abgewiesen; die Adresse des Hauses ist zum Schutz der Bewohnerinnen geheim, die Telefonnummer wird bekanntgemacht; die Bewohnerinnen organisieren ihren Alltag selbstständig; sie erhalten Rechtsberatung, Hilfe bei Behördengängen und organisatorischen Aufgaben; sie bestimmen selbst, wie lange sie im Frauenhaus bleiben; für Kinder gibt es Betreuungsangebote; eine Grundfinanzierung deckt die laufenden Kosten unabhängig davon, welche und wie viele Frauen und Kinder im Haus leben.12

Herausforderung Selbstorganisation

Die Öffnung des Hauses brachte neue Themen:13 

  1. „Es fiel eine Unmenge an notwendiger praktischer Arbeit an, um […] ein Zusammenleben zu ermöglichen. 
  2. Mit dem Einzug der Bewohnerinnen erweiterte sich das Projekt aus einer Gruppe von Frauen mit relativ gleichen Zielen zu einer ‚Gruppe‘ von Frauen, die vollständig unterschiedlich waren […] in Bezug auf ihre Interessen am Projekt Frauenhaus.“

Die Gründerinnen, die unbezahlt rund um die Uhr Hausdienst machten, waren bald überfordert, zumal die Selbstverwaltung durch Hausversammlungen nicht gut funktionierte. Auch gab es Konflikte aufgrund der räumlichen Enge des Zusammenlebens von Frauen mit je eigenen Problematiken, aber auch durch äußeren Druck, Schwierigkeiten mit Behörden sowie gewalttätige Männer, die Bewohnerinnen bedrohten. Eine Professionalisierung der Arbeit und eine verlässliche Finanzierung sollten den Betrieb des Hauses sicherstellen.

‚Staatsknete‘ und Autonomie: Finanzfragen 

In der Gruppe gab es konträre Positionen zur sogenannten ‚Staatsknete‘. Einige lehnten es politisch ab, unentgeltlich (traditionell Frauen zugeschriebene) Fürsorgeaufgaben zu übernehmen. Der Staat sollte für das durch die sozialen Machtstrukturen verursachte Problem finanziell einstehen und die Arbeit im Frauenhaus bezahlen. 

Andere befürchteten, dass so Hierarchien entstünden und aus gleichberechtigter Hilfe zur Selbsthilfe Sozialarbeit würde. Letztlich setzte sich die Position für Bezahlung durch – zunächst wurde ein Einheitslohn gezahlt.

Die von der Behörde bevorzugte Finanzierung über das Bundessozialhilfegesetz wurde in Hamburg und andernorts aber kategorisch abgelehnt. Sie diskriminiere die Empfängerinnen, verletze ihr Recht auf Privatsphäre und bedrohe die Autonomie des Frauenhauses. Viola Roggenkamp schrieb 198014

„Durch eine Finanzierung über Paragraph 72 BSHG wären zwar die Frauenhäuser finanziell aus dem Schneider, die hier vorübergehend lebenden Frauen hingegen würden dadurch zu Randgruppenmenschen abgestempelt, zu Frauen, die aus eigener Lebensuntüchtigkeit ihren Mann verlassen haben. Sie würden über ein Karteiensystem der Sozialämter behördlich erfaßt als haltlose Menschen […]“.

 

Die Hamburger Frauenhäuser erstritten als bundesweit erste 1980 die pauschale Finanzierung durch einen Haushaltstitel15 – kämpften aber seither mit Behördenauflagen, Verwendungsnachweisen, Antragsfristen und amtlichen Kontrollversuchen.16 

Trotzdem war dies ein großer Fortschritt, der den Frauenhäusern mehr Planungssicherheit und Eigenständigkeit gab. Das 7. Nationale Frauenhaustreffen 1981 forderte daher „die […] Finanzierung über einen Haushaltstitel im Landeshaushalt […] bundesweit für alle autonomen Frauenhäuser“.17

Frauenhaus und Öffentlichkeit

Ein zentrales Anliegen war, die Öffentlichkeit über häusliche Gewalt zu informieren und Vorurteile zu entkräften. Flugblätter wurden produziert, Informationsstände veranstaltet und die öffentliche Diskussion gesucht.18 Doch die „gute Hamburger Gesellschaft“19 wollte annehmen, „Mißhandlung von Frauen durch ihre (Ehe-)Männer“ sei „ein Randphänomen“.20 

Schlecht war das Verhältnis des Frauenhauses auch zu den Massenmedien, da diese vor allem Sensationsgeschichten interessierten.21 Eine Gegenöffentlichkeit sollte mit in Zeitungen veröffentlichten Erklärungen und Aktionen wie dem massenhaften Versand von Unterstützungsbriefen geschaffen werden.22 

Dass „[d]as Thema Gewalt gegen Frauen […] Alltagswissen geworden“23 ist, ist sicherlich das Verdienst dieser Öffentlichkeitsarbeit – dennoch stießen die Frauenhäuser immer wieder auf Widerstände. 

Als das 1. Frauenhaus 1984 umziehen wollte, fürchteten die neuen Nachbar*innen nach dem Motto „Frauenhäuser ja – aber nicht in meiner Nachbarschaft!“ um die Ordnung in ihrem gutbürgerlichen Stadtteil und sahen „durch das Frauenhaus als ‚Unruheherd‘ ihre ‚besondere Wohnlage‘ bedroht […]. 

In all den Befürchtungen […] drückt sich eine geballte Ladung an Vorurteilen aus, die die herrschende Gewalt gegen Frauen auf sogenannte soziale Randgruppen reduziert wissen will“.24

Ein Frauenhaus reicht nicht

In den ersten zwei Jahren kamen circa 2.000 Frauen mit ihren Kindern in das 1. Hamburger Frauenhaus25, das ständig überfüllt war. Durch häufigen Bewohnerinnenwechsel und Überbelegung litten Gebäude und Mobiliar. Ein Zuschuss ermöglichte 1979 die Renovierung, für die Frauen und Kinder allerdings ausziehen mussten. 

Mangels Ausweichquartier kamen sie in einem Camp am Stadtrand unter, wo sie die nassen Sommerferien teilweise in Zelten verbrachten.26 Als die Kinder wieder zur Schule mussten, wurde die Situation untragbar. Erst durch ein Protestcamp auf der Moorweide konnte die Stadt bewegt werden, ein Ausweichquartier zu stellen. In diesem Haus entstand später das 2. Hamburger Frauenhaus.

Das 3. Hamburger Frauenhaus eröffnete 1981 im Süderelberaum nach über dreijährigem Kampf um ein Haus, Mietverträge, Finanzierung etc. Obwohl der Bedarf in den südlich der Elbe gelegenen Stadtteilen mit einer Studie längst nachgewiesen worden war, konnten die hier lebenden Frauen Hilfsangebote nur schwer erreichen, da es diese nur im Hamburger Zentrum gab.27

Ebenfalls 1981 entstand das 4. Frauenhaus, das vor allem Aussteigerinnen aus der Prostitution unterstützt.28 Seine Mitarbeiterinnen thematisierten auch die öffentliche Wahrnehmung von Prostituierten, ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen, und stießen in der Frauenbewegung Diskussionen über Sexarbeit an.29

Seit 1984 ergänzt ein vom Amt für Jugend gegründetes Mädchenhaus die autonomen Frauenhäuser. Es bietet 13- bis 18-Jährigen, die vor sexueller oder körperlicher Gewalt aus ihren Familien fliehen oder aus der Prostitution aussteigen wollen, Unterstützung und hilft Mädchen, die nicht in ihre Familien zurückkehren wollen, beim Aufbau eines selbstständigen Lebens.30

1994 nahm das 5. Hamburger Frauenhaus in einem von der Stadt eigens gekauften Haus und mit bereitgestellten Mitteln seine Arbeit auf.31

Heute existieren in Hamburg vier Frauenhäuser; das 1. und 3. Frauenhaus wurden 2006 nach Kürzungen zusammengelegt, um eine drohende Schließung abzuwenden.32

Vernetzung: ZIF und bundesweite Frauenhaustreffen

Seit 1977 fanden bundesweite Vernetzungstreffen statt; am ersten Treffen in Köln nahmen 100 Frauen von 22 Initiativgruppen teil.33 1980 gründeten sie die Zentrale Informationsstelle Autonomer Frauenhäuser (ZIF) „als Vernetzungs-, Informations- und Koordinationsstelle in Hamburg“34, die bis heute an wechselnden Standorten arbeitet.


 

Eine traditionelle Frauenorganisation im Kontext der Neuen Frauenbewegung – Die ahf und das erste Hamburger Frauenhaus

 

Das Verhältnis zwischen traditionellen und autonomen Frauenorganisationen im Kontext der Neuen Frauenbewegung war spannungsreich. Zugleich kam es gelegentlich aber auch zu Unterstützungsaktionen, so etwa von der Arbeitsgemeinschaft Hamburger Frauenorganisationen (ahf) für das erste Hamburger Frauenhaus.

Traditionelle Frauenorganisationen und autonome Frauenprojekte werden in den 1970er- und frühen 1980er-Jahren in der BRD häufig als „zwei ungleiche Schwestern“35 beschrieben. Trotz teils übereinstimmender Forderungen kooperierten sie nur selten: Frauengruppen der Neuen Frauenbewegung grenzten sich bewusst von bereits bestehenden, traditionellen Frauenorganisationen ab, die sie als strukturell zu hierarchisch und zu staatsnah empfanden. 

Vielmehr schlossen sie sich in autonomen Gruppen mit angestrebter Hierarchielosigkeit zusammen und hinterfragten grundlegend die vorherrschenden machtpolitischen Strukturen. 

Traditionelle Frauenorganisationen mit klassischen Vereinsstrukturen setzten sich hingegen innerhalb des bestehenden Systems für die Gleichstellung von Frauen und Männern ein. Sie reagierten skeptisch oder gar ablehnend auf die provokanteren Aktionen und radikaleren Forderungen der Neuen Frauenbewegung. 

Gemeinsame Anliegen konnten jedoch durchaus erfolgreich sein: Ein Beispiel hierfür ist das erste autonome Frauenhaus in Hamburg, für dessen staatliche Förderung sich mit der Arbeitsgemeinschaft Hamburger Frauenorganisationen (ahf) auch eine traditionelle Frauenorganisation einsetzte.36

Wie kam es dazu? Wie argumentierte die ahf für die Förderung des Frauenhauses? Welche Möglichkeiten zur Unterstützung setzte sie ein?

1977/1978: Erste Diskussionen über das Frauenhaus

Die ahf befasste sich – unterschiedlich ausführlich – mit bedeutsamen frauenpolitischen Angelegenheiten in Hamburg. Dazu gehörte auch das erste Hamburger Frauenhaus, das 1977 durch den neu gegründeten Verein Frauen helfen Frauen e.V. eröffnet wurde.37 Zunächst nahmen einzelne ahf-Mitglieder Kontakt zur Frauenhausinitiative auf, um sich über das Projekt und Unterstützungsmöglichkeiten zu informieren. 

Zu einer direkten Zusammenarbeit kam es nicht, da einerseits die ahf mit den flachen Hierarchien der Frauenhausinitiative ohne klare Ansprechpartnerinnen wenig anfangen konnte.38 Im April 1978 wurde andererseits im Plenumsprotokoll vermerkt, „daß die Frauen [der Initiative] keine direkte Mitarbeit wünschen, jedoch finanzielle Hilfe sehr gut brauchen“39 könnten. Ob die ahf eine Spende machte, ist allerdings nicht dokumentiert. 

Ausführlicher beschäftigte sie sich mit dem Frauenhaus erst im Dezember 1978, als die FDP-Frauengruppe als ahf-Mitglied um Unterstützung eines Antrags an den Hamburger Senat bat. Darin forderte sie eine Untersuchung, die das Ausmaß an körperlicher Gewalt gegenüber Frauen und Kindern durch Männer in Hamburg ermitteln sollte. 

Darüber hinaus sollte ein Konzept zur „Unterstützung der Errichtung von Fluchtburgen für Frauen mit und ohne Kinder“ entwickelt werden, wobei gerade Möglichkeiten von staatlicher Unterstützung für private Einrichtungen ausgelotet werden sollten.40 Die ahf diskutierte den Antrag in ihrer Plenumssitzung sehr ausführlich. Im entsprechenden Protokoll wird deutlich, dass neben der ahf auch die Behörde Schwierigkeiten hatte, mit Frauen helfen Frauen e.V. zu kommunizieren. 

Als Hauptgrund hierfür wurde genannt, dass die Entscheidungen des Vereins „von allen Frauen getroffen werden und daher ein direkter Ansprechpartner“41 fehle. Das von der FDP-Frauengruppe geforderte Konzept sollte diese Situation verbessern. Dessen Entwicklung sei zudem wichtig, da vorhandene Plätze „überwiegend von Frauen mit Kindern genutzt“42 würden und private Einrichtungen über-, staatliche hingegen unterbelegt seien. 

Die ahf beschloss schließlich mit nur einer Enthaltung, den FDP-Antrag zu unterstützen.43 Praktisch bedeutete dies, dass sie dem Hamburger Senat und dem sozialpolitischen Ausschuss eine entsprechende Stellungnahme zusandte. In den öffentlichen Fokus geriet im Folgenden jedoch nicht ein dementsprechendes Konzept, sondern vielmehr die Finanzierung des Frauenhauses.

1978/1979: Debatte über eine staatliche Finanzierung 

Wenngleich die Frauenhausinitiative (politische) Autonomie anstrebte, wurde für den langfristigen Erhalt der Einrichtung eine staatliche Finanzierung aufgrund mangelnder Alternativen bald nötig.44 Zunächst war nur eine finanzielle Unterstützung der im Haus lebenden Frauen über den § 72 des Bundessozialhilfegesetzes möglich, nicht aber die Finanzierung des Projektes an sich. 

Frauen helfen Frauen e.V. kritisierte jedoch diese Regelung. So sah der § 72 vor, dass nur „Personen, bei denen besondere soziale Schwierigkeiten der Teilnahme am Leben in der Gemeinschaft entgegenstehen, […] Hilfe zur Überwindung dieser Schwierigkeiten zu gewähren [ist], wenn sie aus eigener Kraft hierzu nicht fähig sind“.45 Dies missfiel der Frauenhausinitiative, da der § 72 den betroffenen Frauen somit „jede Mündigkeit und Selbstständigkeit abspricht. 

Ihm zufolge sind wir Menschen, die aus eigener Kraft nicht zur Überwindung ihrer Schwierigkeiten fähig sind. Daß Ehemänner ‚ihre‘ Frauen schlagen, ist ein gesellschaftliches Problem und nicht – wie der § 72 es vorgibt – das individuelle Versagen der geschlagenen Frauen“.46 Stattdessen beantragte Frauen helfen Frauen e.V. 1979 für die Finanzierung des Frauenhauses einen eigenen Haushaltstitel bei der Hamburger Bürgerschaft.47

Die ahf unterstützte diesen Antrag und richtete im August 1979 ein entsprechendes Schreiben an den Haushaltsausschuss sowie die SPD- und CDU-Fraktion. Darin forderte sie alle Beteiligten dazu auf, bei den Beratungen des Finanzhaushalts für 1980 die institutionelle Förderung des Frauenhauses zu beschließen und 350.000 DM bereitzustellen. 

In ihrer Begründung griff die ahf die Kritik der Frauenhausinitiative am § 72 auf, der zu kurz greife und nicht der gesellschaftlichen Dimension des Problems entspreche: „Es muß ernst damit gemacht werden, den Teufelskreis von Gewalt in den Familien (Mann schlägt Frau und Kinder, und sobald die Kinder erwachsen sind, schlagen sie wieder oder halten Schläge für das angemessene Mittel zur Konfliktlösung) offen zu artikulieren und durch personenbezogene Hilfe zu durchbrechen.“48

Parallel zum Versand der direkten Forderungen gab die ahf auch eine Presseerklärung ab, in der sie ihre Forderungen bekräftigte und betonte, dass die „meisten Frauen […] ins Frauenhaus [gingen], um ihre Kinder vor Mißhandlungen [zu] schützen“.49 

Als die ahf einen Monat später anlässlich ihres 30-jährigen Bestehens zu einem Senatsempfang ins Hamburger Rathaus eingeladen wurde, nutzte sie auch diese Gelegenheit, um die Zweite Bürgermeisterin Helga Elstner (SPD) öffentlich dazu aufzufordern, sich für die Finanzierung des Frauenhauses einzusetzen. Elstner versprach, „das Thema während der Haushaltsberatungen erneut auf den Tisch zu bringen: ‚Wir werden eine Möglichkeit finden, den Haushaltstitel zu bekommen‘“.50

Die Forderungen zeigten Erfolg: Nachdem sich auch Hamburger SPD- und FDP-Politikerinnen für den Antrag eingesetzt hatten und das Thema durch öffentliche Proteste von Frauen helfen Frauen e.V.  weitere mediale Aufmerksamkeit erhielt, beschloss die Bürgerschaft im Dezember 1979 den geforderten Haushaltstitel.51 

Die ahf befand, dass dies „nicht zuletzt auf das aktive Engagement der Frauenverbände und der ahf zurückzuführen“52 sei. Welchen Anteil die ahf an der erfolgreichen Finanzierung tatsächlich hatte, lässt sich nicht ermessen – ausschlaggebend dürfte schlussendlich der gemeinsame Einsatz von traditionellen und autonomen Frauenorganisationen sowie Politikerinnen gewesen sein. 

Das Engagement der ahf für das Frauenhaus war zudem maßgeblich durch die Motivation geprägt, ein Projekt zu unterstützen, das speziell Frauen mit Kindern zugutekam. 

Zu einer längerfristigen Zusammenarbeit zwischen der ahf und der Frauenhausinitiative kam es – nicht zuletzt aufgrund der strukturellen und inhaltlichen Unterschiede – aber nicht.

 


 

Online-Dossier zu 50 Jahre Frauenhäuser in Deutschland

 

Von Mitte September bis Anfang November veröffentlicht Frauenhauskoordinierung e.V. (FHK) eine Themenreihe/ein Online-Dossier zur Geschichte und Entwicklung der Frauenhausbewegung in Deutschland. 

Anlass ist der 50. Jahrestag der Eröffnung des ersten Frauenhauses in der BRD am 1. November. Für dieses Online-Dossier kooperiert FHK mit dem Digitalen Deutschen Frauenarchiv (DDF) und veröffentlicht Texte des DDF neu auf der FHK-Website - z.b. die beiden Artikel auf dieser Seite. 

Quellen: 

Dr. Andrea Lassalle (2019): Die autonomen Frauenhäuser in Hamburg 1977 bis heute, in: Digitales Deutsches Frauenarchiv; URL: https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/themen/die-autonomen-frauenhaeuser-hamburg-1977-bis-heute; Zuletzt besucht am: 17.09.2026

Hannah Rentschler (2019): Eine traditionelle Frauenorganisation im Kontext der Neuen Frauenbewegung – Die ahf und das erste Hamburger Frauenhaus, in: Digitales Deutsches Frauenarchiv; https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/themen/eine-traditionelle-frauenorganisation-im-kontext-der-neuen-frauenbewegung; Zuletzt besucht am: 17.09.2026


Fußnoten: 

  1. Archiv DENKtRÄUME (im Folgenden DT), Gewalt und Sexismus, V 12 Frauenhäuser/ Mädchenhäuser, Broschüre „Frauenhaus“, o. S.
  2. Pizzey, Erin: Schrei leise, Stuttgart 1976 (= dt. Erstausgabe), o. S.
  3. Schrei Leise, in: Der Spiegel 4/1976, S. 112, Zugriff am 07.11.2019 unter  http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-41309581.html.
  4. Zentrale Informationsstelle Autonomer Frauenhäuser: Pressemitteilung 30 Jahre Autonome Frauenhäuser in der BRD, Kassel 15.11.2006, Zugriff am 07.11.2019 unter http://www.autonome-frauenhaeuser-zif.de/sites/default/files/page_attachment/pressemitteilung_30_jahre_1.pdf.
  5. DT, V 12 Broschüre „Frauenhaus“, o. S.
  6. Frauen helfen Frauen e. V. (Hg.) / Wenkens, Marlis: Frauenhäuser in Hamburg: Geschichte, Situation, Selbstverständnis, Hamburg 1986, S. 7.
  7. Frauen helfen Frauen e. V. (Hg.) / Wenkens, Marlis: Frauenhäuser in Hamburg: Geschichte, Situation, Selbstverständnis, Hamburg 1986, S. 10.
  8. Frauen helfen Frauen e. V. (Hg.) / Wenkens, Marlis: Frauenhäuser in Hamburg: Geschichte, Situation, Selbstverständnis, Hamburg 1986, S. 8.
  9. Zeitzeuginneninterview, in: Schaz, Juli ’76, (eigene Transkr.), o. S.
  10. Zeitzeuginneninterview, in: Schaz, Juli ’76, (eigene Transkr.), o. S.
  11. Zeitzeuginneninterview, in: Schaz, Juli ’76, (eigene Transkr.), o. S.
  12. DT, V 12 Broschüre „Frauenhaus“, o. S.
  13. Frauen helfen Frauen e. V, Hamburg 1986: Frauenhäuser, S. 10.
  14. Roggenkamp, Viola: Als haltlos abgestempelt, in: Die Zeit 11/1980; Zugriff am 07.11.2019 unter www.zeit.de/1980/11/als-haltlos-abgestempelt.
  15. DT, V 12 Haushaltstitel für Hamburger Frauenhaus, in: taz vom 16.1.1980, o. S.
  16. Frauen helfen Frauen e. V., Hamburg 1986: Frauenhäuser, S. 10–13.
  17. DT, V 12 Presseerklärung, in: Frauenhausinfo Nr. 2, Mai 1981, S. 3.
  18. Frauen helfen Frauen e.V., Hamburg 1986: Frauenhäuser, S. 32 ff.
  19. Zeitzeuginneninterview, in: Schaz: Juli 1976 (eigene Transkr.), o. S.
  20. Frauen helfen Frauen e. V., Hamburg 1986: Frauenhäuser, S. 8, vgl. S. 7 f.
  21. Frauen helfen Frauen e. V., Hamburg 1986: Frauenhäuser, S. 8, vgl. S. 33.
  22. Vgl. DT, V 12, taz vom 21.8.1979, 29.5.1980 u.a.
  23. Frauen helfen Frauen e. V., Hamburg 1986: Frauenhäuser, S. 14.
  24. DT, V 12, Flugblatt „Frauenhäuser ja – aber nicht in meiner Nachbarschaft“.
  25. DT, V 12, 20 Mütter und ihre Kinder fragen: Wohin?, in: Hamburger Abendblatt vom 7.8.1979, o. S.
  26. DT, V 12, Pressedokumentation, „DRUCK-Sachen“, S. 14–18.
  27. DT, V 12, Frauen helfen Frauen / 3. Frauenhaus in Hamburg e. V.: „Frauen brauchen ein Haus“, Hamburg 1982.
  28. Selbstdarstellung Hamburger Frauenhaus, Zugriff am 9.4.2018 unter www.4-hamburger-frauenhaus.de/wir-ueber-uns.
  29. Frauen helfen Frauen e. V., Hamburg 1986: Frauenhäuser, S. 35.
  30. DT, V 12, Wo Leid gelindert wird, in: Die Zeit 15/1986, o. S.; Nur jede zweite geht zurück, in: Die Zeit 37/1990, o. S.
  31. DT, V 12, PM der Freien und Hansestadt Hamburg v. 16.8.1994, o. S.
  32. Vgl. Frauen helfen Frauen: Das Private ist politisch, Zugriff am 07.11.2019 unter http://www.frauenhelfenfrauen-hamburg.de/Geschichte.487.0.html.
  33. Frauen helfen Frauen e. V.: Nationales Frauenhaustreffen in Köln: Protokolle 15/1977, vgl. „Frauenhäuser“, abgerufen am 07.11.2019 unter https://frauenmediaturm.de/neue-frauenbewegung/frauenhaeuser/.
  34. „Geschichte“; Zugriff am 07.11.2019 unter www.autonome-frauenhaeuser-zif.de/de/content/geschichte.
  35. Bake, Rita: Die Ersten und das erste Mal... Zum 50. Geburtstag des Gleichberechtigungsartikels im Grundgesetz. Was hat er Hamburgs Frauen gebracht?, Hamburg 1999, S. 45.
  36. Bake, Rita: Die Ersten und das erste Mal... Zum 50. Geburtstag des Gleichberechtigungsartikels im Grundgesetz. Was hat er Hamburgs Frauen gebracht?, Hamburg 1999, S. 34,45.
  37. Ebbinghaus, Angelika et al.: Wendepunkte: Frauen erzählen aus ihrem Leben. Alltag in einem Frauenhaus. Die politische Gratwanderung von Frauenhäusern, Hamburg 1982, S. 239 ff.
  38. Protokoll der Sitzung der ahf am 7. November 1977, in: LFR Hamburg. Ordner: ahf 1976 1980, Protokoll u. a. m., S. 4.
  39. Protokoll der Sitzung der ahf am 3. April 1978, in: LFR Hamburg. Ordner: ahf 1976–1980, Protokoll u. a. m., S. 4.
  40. Antrag der Frauengruppe des F.D.P-Landesverbandes Hamburg an den Hamburger Senat vom 8. August 1978, in: LFR Hamburg. Ordner: ahf 1976–1980, Protokoll u. a. m., S. 1.
  41. Protokoll der Sitzung der ahf am 4. Dezember 1978, in: LFR Hamburg. Ordner: ahf 1976 1980, Protokoll u. a. m., S. 3.
  42. Protokoll der Sitzung der ahf am 4. Dezember 1978, in: LFR Hamburg. Ordner: ahf 1976 1980, Protokoll u. a. m., S. 3.
  43. Protokoll der Sitzung der ahf am 4. Dezember 1978, in: LFR Hamburg. Ordner: ahf 1976 1980, Protokoll u. a. m., S. 4.
  44. Ebbinghaus et al.: Wendepunkte, S. 248 f.
  45. Drittes Gesetz zur Änderung des Bundessozialhilfegesetzes vom 25. März 1974, in: Bundesgesetzblatt 1 (1974), S. 777–784, hier S. 780.
  46. Brief von Frauen helfen Frauen an den Vorsitzenden des Sozialpolitischen Ausschusses vom Februar 1979, in: LFR Hamburg. Ordner: 1976–1980, Protokolle, Resolutionen, Korrespondenz.
  47. Bake: Geburtstag, S. 62 f.
  48. Brief von Dr. Wiltrud Rehlen als 1. Vorsitzende der Geschäftsführung an den Vorsitzenden und stellvertretenden Vorsitzenden des Haushaltsausschusses sowie die Vorsitzenden der SPD- und CDU-Fraktion vom 29. August 1979, in: LFR Hamburg. Ordner: 1975–1983 Korrespondenz, 1970–1983 Infos zu Themen, 1976–1983 Einladungen.
  49. o. A.: Frauenverbände stützen Frauenhaus, in: Die Welt vom 25.8.1979, S. 25.
  50. o. A.: 30 Jahre Hamburger Frauenorganisationen, in: Hamburger Abendblatt, Nr. 222 vom 22.9.1979, S. 4.
  51. Ebbinghaus et al.: Wendepunkte, S. 277 f.
  52. Protokoll der Sitzung der ahf am 7. Januar 1980, in: LFR Hamburg. Ordner: ahf 1976–1980, Protokoll u. a.m., S. 4.

Bitte wählen Sie Ihre Sprache

Übersetzung bereitgestellt durch GTranslate. Durch die Nutzung der Übersetzungsfunktion werden Texte unserer Website in andere Sprachen übertragen. Für Details zum Datenschutz siehe unsere Datenschutzerklärung.