Die autonomen Frauenhäuser in Hamburg 1977 bis heute
1976 trafen sich im Hamburger Frauenzentrum erstmals Frauen, die sich praktisch gegen Gewalt engagieren wollten. Frauenhausarbeit war für sie Teil der feministischen Bewegung. Und so gründeten sie 1977 das erste autonome Hamburger Frauenhaus.
Feministische Anti-Gewalt-Arbeit
Die Gewaltverhältnisse zwischen den Geschlechtern waren zentrales Thema der Frauenbewegung der 1970er-Jahre.
„Körperliche und seelische Mißhandlung von Frauen durch Männer sind keine individuellen Schicksalsschläge. Sie sind Folgen unserer gesellschaftlichen Realität.“
Das schrieben in den 1980ern die Hamburger Frauenhäuser.1
Diese strukturelle Gewalt war tabuisiert und vorurteilsbelastet, das heißt, den betroffenen Frauen wurde selbst die Schuld gegeben, Gewalt wurde als Privatproblem oder Problem ‚sozialer Randgruppen‘ abgetan. Hilfsangebote und Schutzräume fehlten.
Die Feministinnen der 1970er kritisierten Gewalt in Geschlechterbeziehungen ebenso wie die Lebensform Ehe und Familie. In Selbsterfahrungsgruppen erprobten sie das Recht auf Selbstbestimmung. Schrei leise von Erin Prizzey2, der Gründerin des europaweit ersten Hauses für geschlagene Frauen in London (1971), hinterließ mit Erfahrungsberichten von Bewohnerinnen großen Eindruck.3 In der Bundesrepublik entstanden Initiativen, die ab 1976 autonome Frauenhäuser eröffneten4:5
„Frauen, die Frauenhäuser gründen oder in ihnen arbeiten, kommen aus der Frauenbewegung und wollen mit ihrer Arbeit gegen die Unterdrückung und Gewalt gegen Frauen in unserer Gesellschaft kämpfen.“
Das 1. Hamburger Frauenhaus
Ab März 1976 traf sich im Hamburger Frauenzentrum eine Gruppe, die ein Frauenhaus gründen wollte, in das „körperlich und seelisch bedrohte Frauen zu jeder Tages- und Nachtzeit kommen und Schutz und Unterkunft finden“6 könnten. Am 26. August 1976 gründeten sie den Verein Frauen helfen Frauen e. V., der 1977 schon 40 ‚Mitfrauen‘ – ein Begriff, der dem damaligen Sprachgebrauch in der Frauenbewegung entsprach – hatte.
Die Anfangsphase des Hamburger Frauenhauses prägten „intensive Diskussionsprozesse“.7 Das Haus sollte unabhängig sein, sich kollektiv und basisdemokratisch organisieren. Im Konzept schrieben die Gründerinnen:8
„Das Hamburger Frauenhaus ist ein autonomes Frauenhaus der Frauenbewegung. Das bedeutet, daß die Struktur des Hauses von seinen Bewohnerinnen selbst bestimmt und mitgetragen wird. […] Das Haus soll ein Ort sein, an dem Mißhandelte sich erholen, neue Kraft schöpfen, zu sich selbst finden können, um ein eigenes, selbstbestimmtes Leben aufzubauen. […] Jede Frau entscheidet für sich selbst. Alle Frauen entscheiden gemeinsam, was im Haus geschieht.“
Anfang 1977 bot das Liegenschaftsamt ihnen ein Haus im östlich der Alster gelegenen Hohenfelde an. Es war komplett renovierungsbedürftig – die Arbeiten inklusive der Instandsetzung von Elektrik und Sanitäranlagen führten die Frauen mangels Geld selbst durch; die Einrichtung bestand aus Spenden und Sperrmüllfunden.9 Am 28. August 1977 eröffnete das Frauenhaus, die ersten Bewohnerinnen erlebten eine Mischung aus ‚Baustelle, Chaos und Sicherheit‘.
30 Jahre später erinnerte sich eine von ihnen1011:
„So chaotisch, wie das Haus war, das hat mir auch ’ne Menge Power gegeben. Selbstorganisation, Selbstbestimmung, das ist auch eine Utopie gewesen.“
Die Grundsätze des Frauenhauses gelten bis heute: Keine Frau wird abgewiesen; die Adresse des Hauses ist zum Schutz der Bewohnerinnen geheim, die Telefonnummer wird bekanntgemacht; die Bewohnerinnen organisieren ihren Alltag selbstständig; sie erhalten Rechtsberatung, Hilfe bei Behördengängen und organisatorischen Aufgaben; sie bestimmen selbst, wie lange sie im Frauenhaus bleiben; für Kinder gibt es Betreuungsangebote; eine Grundfinanzierung deckt die laufenden Kosten unabhängig davon, welche und wie viele Frauen und Kinder im Haus leben.12
Herausforderung Selbstorganisation
Die Öffnung des Hauses brachte neue Themen:13
- „Es fiel eine Unmenge an notwendiger praktischer Arbeit an, um […] ein Zusammenleben zu ermöglichen.
- Mit dem Einzug der Bewohnerinnen erweiterte sich das Projekt aus einer Gruppe von Frauen mit relativ gleichen Zielen zu einer ‚Gruppe‘ von Frauen, die vollständig unterschiedlich waren […] in Bezug auf ihre Interessen am Projekt Frauenhaus.“
Die Gründerinnen, die unbezahlt rund um die Uhr Hausdienst machten, waren bald überfordert, zumal die Selbstverwaltung durch Hausversammlungen nicht gut funktionierte. Auch gab es Konflikte aufgrund der räumlichen Enge des Zusammenlebens von Frauen mit je eigenen Problematiken, aber auch durch äußeren Druck, Schwierigkeiten mit Behörden sowie gewalttätige Männer, die Bewohnerinnen bedrohten. Eine Professionalisierung der Arbeit und eine verlässliche Finanzierung sollten den Betrieb des Hauses sicherstellen.
‚Staatsknete‘ und Autonomie: Finanzfragen
In der Gruppe gab es konträre Positionen zur sogenannten ‚Staatsknete‘. Einige lehnten es politisch ab, unentgeltlich (traditionell Frauen zugeschriebene) Fürsorgeaufgaben zu übernehmen. Der Staat sollte für das durch die sozialen Machtstrukturen verursachte Problem finanziell einstehen und die Arbeit im Frauenhaus bezahlen.
Andere befürchteten, dass so Hierarchien entstünden und aus gleichberechtigter Hilfe zur Selbsthilfe Sozialarbeit würde. Letztlich setzte sich die Position für Bezahlung durch – zunächst wurde ein Einheitslohn gezahlt.
Die von der Behörde bevorzugte Finanzierung über das Bundessozialhilfegesetz wurde in Hamburg und andernorts aber kategorisch abgelehnt. Sie diskriminiere die Empfängerinnen, verletze ihr Recht auf Privatsphäre und bedrohe die Autonomie des Frauenhauses. Viola Roggenkamp schrieb 198014:
„Durch eine Finanzierung über Paragraph 72 BSHG wären zwar die Frauenhäuser finanziell aus dem Schneider, die hier vorübergehend lebenden Frauen hingegen würden dadurch zu Randgruppenmenschen abgestempelt, zu Frauen, die aus eigener Lebensuntüchtigkeit ihren Mann verlassen haben. Sie würden über ein Karteiensystem der Sozialämter behördlich erfaßt als haltlose Menschen […]“.
Die Hamburger Frauenhäuser erstritten als bundesweit erste 1980 die pauschale Finanzierung durch einen Haushaltstitel15 – kämpften aber seither mit Behördenauflagen, Verwendungsnachweisen, Antragsfristen und amtlichen Kontrollversuchen.16
Trotzdem war dies ein großer Fortschritt, der den Frauenhäusern mehr Planungssicherheit und Eigenständigkeit gab. Das 7. Nationale Frauenhaustreffen 1981 forderte daher „die […] Finanzierung über einen Haushaltstitel im Landeshaushalt […] bundesweit für alle autonomen Frauenhäuser“.17
Frauenhaus und Öffentlichkeit
Ein zentrales Anliegen war, die Öffentlichkeit über häusliche Gewalt zu informieren und Vorurteile zu entkräften. Flugblätter wurden produziert, Informationsstände veranstaltet und die öffentliche Diskussion gesucht.18 Doch die „gute Hamburger Gesellschaft“19 wollte annehmen, „Mißhandlung von Frauen durch ihre (Ehe-)Männer“ sei „ein Randphänomen“.20
Schlecht war das Verhältnis des Frauenhauses auch zu den Massenmedien, da diese vor allem Sensationsgeschichten interessierten.21 Eine Gegenöffentlichkeit sollte mit in Zeitungen veröffentlichten Erklärungen und Aktionen wie dem massenhaften Versand von Unterstützungsbriefen geschaffen werden.22
Dass „[d]as Thema Gewalt gegen Frauen […] Alltagswissen geworden“23 ist, ist sicherlich das Verdienst dieser Öffentlichkeitsarbeit – dennoch stießen die Frauenhäuser immer wieder auf Widerstände.
Als das 1. Frauenhaus 1984 umziehen wollte, fürchteten die neuen Nachbar*innen nach dem Motto „Frauenhäuser ja – aber nicht in meiner Nachbarschaft!“ um die Ordnung in ihrem gutbürgerlichen Stadtteil und sahen „durch das Frauenhaus als ‚Unruheherd‘ ihre ‚besondere Wohnlage‘ bedroht […].
In all den Befürchtungen […] drückt sich eine geballte Ladung an Vorurteilen aus, die die herrschende Gewalt gegen Frauen auf sogenannte soziale Randgruppen reduziert wissen will“.24
Ein Frauenhaus reicht nicht
In den ersten zwei Jahren kamen circa 2.000 Frauen mit ihren Kindern in das 1. Hamburger Frauenhaus25, das ständig überfüllt war. Durch häufigen Bewohnerinnenwechsel und Überbelegung litten Gebäude und Mobiliar. Ein Zuschuss ermöglichte 1979 die Renovierung, für die Frauen und Kinder allerdings ausziehen mussten.
Mangels Ausweichquartier kamen sie in einem Camp am Stadtrand unter, wo sie die nassen Sommerferien teilweise in Zelten verbrachten.26 Als die Kinder wieder zur Schule mussten, wurde die Situation untragbar. Erst durch ein Protestcamp auf der Moorweide konnte die Stadt bewegt werden, ein Ausweichquartier zu stellen. In diesem Haus entstand später das 2. Hamburger Frauenhaus.
Das 3. Hamburger Frauenhaus eröffnete 1981 im Süderelberaum nach über dreijährigem Kampf um ein Haus, Mietverträge, Finanzierung etc. Obwohl der Bedarf in den südlich der Elbe gelegenen Stadtteilen mit einer Studie längst nachgewiesen worden war, konnten die hier lebenden Frauen Hilfsangebote nur schwer erreichen, da es diese nur im Hamburger Zentrum gab.27
Ebenfalls 1981 entstand das 4. Frauenhaus, das vor allem Aussteigerinnen aus der Prostitution unterstützt.28 Seine Mitarbeiterinnen thematisierten auch die öffentliche Wahrnehmung von Prostituierten, ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen, und stießen in der Frauenbewegung Diskussionen über Sexarbeit an.29
Seit 1984 ergänzt ein vom Amt für Jugend gegründetes Mädchenhaus die autonomen Frauenhäuser. Es bietet 13- bis 18-Jährigen, die vor sexueller oder körperlicher Gewalt aus ihren Familien fliehen oder aus der Prostitution aussteigen wollen, Unterstützung und hilft Mädchen, die nicht in ihre Familien zurückkehren wollen, beim Aufbau eines selbstständigen Lebens.30
1994 nahm das 5. Hamburger Frauenhaus in einem von der Stadt eigens gekauften Haus und mit bereitgestellten Mitteln seine Arbeit auf.31
Heute existieren in Hamburg vier Frauenhäuser; das 1. und 3. Frauenhaus wurden 2006 nach Kürzungen zusammengelegt, um eine drohende Schließung abzuwenden.32
Vernetzung: ZIF und bundesweite Frauenhaustreffen
Seit 1977 fanden bundesweite Vernetzungstreffen statt; am ersten Treffen in Köln nahmen 100 Frauen von 22 Initiativgruppen teil.33 1980 gründeten sie die Zentrale Informationsstelle Autonomer Frauenhäuser (ZIF) „als Vernetzungs-, Informations- und Koordinationsstelle in Hamburg“34, die bis heute an wechselnden Standorten arbeitet.
Eine traditionelle Frauenorganisation im Kontext der Neuen Frauenbewegung – Die ahf und das erste Hamburger Frauenhaus
Das Verhältnis zwischen traditionellen und autonomen Frauenorganisationen im Kontext der Neuen Frauenbewegung war spannungsreich. Zugleich kam es gelegentlich aber auch zu Unterstützungsaktionen, so etwa von der Arbeitsgemeinschaft Hamburger Frauenorganisationen (ahf) für das erste Hamburger Frauenhaus.
Traditionelle Frauenorganisationen und autonome Frauenprojekte werden in den 1970er- und frühen 1980er-Jahren in der BRD häufig als „zwei ungleiche Schwestern“35 beschrieben. Trotz teils übereinstimmender Forderungen kooperierten sie nur selten: Frauengruppen der Neuen Frauenbewegung grenzten sich bewusst von bereits bestehenden, traditionellen Frauenorganisationen ab, die sie als strukturell zu hierarchisch und zu staatsnah empfanden.
Vielmehr schlossen sie sich in autonomen Gruppen mit angestrebter Hierarchielosigkeit zusammen und hinterfragten grundlegend die vorherrschenden machtpolitischen Strukturen.
Traditionelle Frauenorganisationen mit klassischen Vereinsstrukturen setzten sich hingegen innerhalb des bestehenden Systems für die Gleichstellung von Frauen und Männern ein. Sie reagierten skeptisch oder gar ablehnend auf die provokanteren Aktionen und radikaleren Forderungen der Neuen Frauenbewegung.
Gemeinsame Anliegen konnten jedoch durchaus erfolgreich sein: Ein Beispiel hierfür ist das erste autonome Frauenhaus in Hamburg, für dessen staatliche Förderung sich mit der Arbeitsgemeinschaft Hamburger Frauenorganisationen (ahf) auch eine traditionelle Frauenorganisation einsetzte.36
Wie kam es dazu? Wie argumentierte die ahf für die Förderung des Frauenhauses? Welche Möglichkeiten zur Unterstützung setzte sie ein?
1977/1978: Erste Diskussionen über das Frauenhaus
Die ahf befasste sich – unterschiedlich ausführlich – mit bedeutsamen frauenpolitischen Angelegenheiten in Hamburg. Dazu gehörte auch das erste Hamburger Frauenhaus, das 1977 durch den neu gegründeten Verein Frauen helfen Frauen e.V. eröffnet wurde.37 Zunächst nahmen einzelne ahf-Mitglieder Kontakt zur Frauenhausinitiative auf, um sich über das Projekt und Unterstützungsmöglichkeiten zu informieren.
Zu einer direkten Zusammenarbeit kam es nicht, da einerseits die ahf mit den flachen Hierarchien der Frauenhausinitiative ohne klare Ansprechpartnerinnen wenig anfangen konnte.38 Im April 1978 wurde andererseits im Plenumsprotokoll vermerkt, „daß die Frauen [der Initiative] keine direkte Mitarbeit wünschen, jedoch finanzielle Hilfe sehr gut brauchen“39 könnten. Ob die ahf eine Spende machte, ist allerdings nicht dokumentiert.
Ausführlicher beschäftigte sie sich mit dem Frauenhaus erst im Dezember 1978, als die FDP-Frauengruppe als ahf-Mitglied um Unterstützung eines Antrags an den Hamburger Senat bat. Darin forderte sie eine Untersuchung, die das Ausmaß an körperlicher Gewalt gegenüber Frauen und Kindern durch Männer in Hamburg ermitteln sollte.
Darüber hinaus sollte ein Konzept zur „Unterstützung der Errichtung von Fluchtburgen für Frauen mit und ohne Kinder“ entwickelt werden, wobei gerade Möglichkeiten von staatlicher Unterstützung für private Einrichtungen ausgelotet werden sollten.40 Die ahf diskutierte den Antrag in ihrer Plenumssitzung sehr ausführlich. Im entsprechenden Protokoll wird deutlich, dass neben der ahf auch die Behörde Schwierigkeiten hatte, mit Frauen helfen Frauen e.V. zu kommunizieren.





























