Frauenhauskoordinierung e.V. (FHK): Welche Entwicklungen beobachten Sie aktuell in Deutschland hinsichtlich Prävention und Intervention bei geschlechtsspezifischer Gewalt?
Prof.in Hellmann: Meiner Ansicht nach erhält das Thema geschlechtsbezogene Gewalt zunehmend mehr Aufmerksamkeit auf unterschiedlichen Ebenen – und das ist auch gut so. Wichtig wäre, dass die gestiegene allgemeine, mediale und auch politische Aufmerksamkeit genutzt wird, um weitere Veränderungen in diesem Bereich anzustoßen und vor allem auch sinnvoll umzusetzen.
FHK: Welche Erfahrungen haben Sie mit dem Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis gemacht – und was sind die größten Herausforderungen dabei?
Meine Erfahrungen als Wissenschaftlerin sind, dass nicht nur ein großes mediales Interesse an den Themen geschlechtsbezogener Gewalt gegen Frauen im Allgemeinen und Femiziden im Speziellen besteht. Auch in der Praxis existiert ein starkes Interesse daran, mehr zu den Hintergründen sowie zu sinnvoller Prävention und Intervention geschlechtsbezogener Gewalt gegen Frauen zu erfahren. Derartige Informationen werden beispielsweise in Fortbildungsveranstaltungen, Tagungen und Workshops unterschiedlichster Träger (z.B. Beratungsstellen, Frauenhausverbände, Polizei) verbreitet und diskutiert.
Die größte Herausforderung aus Sicht der Wissenschaft besteht darin, die notwendigen theoretischen Details sinnvoll und praxisnah zu vermitteln und dabei Überinterpretationen und pauschale Aussagen zu vermeiden.
FHK: Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Bausteine eines wirksamen Hochrisikomanagements?
Prof.in Hellmann: Nationale und internationale Studien haben gezeigt, dass wirksame Tools zur Gefährdungseinschätzung existieren, die sich meiner Ansicht nach mit vergleichsweise wenig Aufwand flächendeckend einsetzen ließen. Diese in Verbindung mit spezifischen Schulungen in Beratungs- und spezialisierten Polizeidienststellen bundesweit systematisch einzuführen, halte ich für sinnvoll, um möglichst niedrigschwellig konkrete Risiken erfassen und (weitere) Gewalt zu verhindern.
Die Mehrzahl der Fälle von geschlechtsbezogener Gewalt im häuslichen Kontext wird nicht aus dem „Nichts“ begangen, sondern kündigt sich durch eskalierende Gewalt, Drohungen, Stalking oder Waffenbesitz an. Die Forschung zeigt: Wenn Behörden Informationen bündeln und gemeinsam handeln, lassen sich schwere Gewalttaten deutlich reduzieren. Ein wirksames Schutzsystem für hochgefährdete Frauen und Kinder braucht eine bundesweit einheitliche Struktur, die schnelle Reaktionen ermöglicht. Herzstück sind verbindliche Hochrisiko-Fallkonferenzen nach dem sogenannten MARAC-Modell (Multi-Agency Risk Assessment Conference).
In diesen Treffen kommen Polizei, Frauenhäuser und Fachberatungsstellen, Jugendämter, Staatsanwaltschaften, Gesundheitsdienste sowie gegebenenfalls Schulen oder Kindergärten zusammen. Ziel ist es, innerhalb kürzester Zeit eine abgestimmte Sicherheitsplanung für Betroffene und ihre Kinder zu entwickeln, die Täterstrategien berücksichtigt und Schutzlücken schließt. Die Konferenzen enden mit verbindlichen Sofortmaßnahmen (z.B. sichere Interimsunterkünfte, erweiterte polizeiliche Schutzmaßnahmen, Gefährderansprachen durch die Polizei).
Sinnvoll aufgebaut, kann ein bundesweites Hochrisikomanagement Leben retten. Es verknüpft vorhandene Strukturen, zwingt Institutionen zu koordiniertem Handeln und sorgt dafür, dass keine Warnsignale übersehen werden. Deutschland würde damit internationale Standards erfüllen und zugleich den Forderungen der Istanbul-Konvention nach einem wirksamen, koordinierten Schutzsystem nachkommen.
FHK: Wie lässt sich der Schutz gefährdeter Frauen und Kinder durch Frauenhäuser und Beratungsstellen weiter verbessern?
Prof.in Hellmann: Auch wenn es simpel klingt: Es sollten für diesen Bereich insgesamt mehr finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt werden. Das Angebot an Frauenhäusern und Beratungsstellen sollte massiv ausgebaut werden. Dabei sollten auch pragmatische Aspekte berücksichtigt werden. Kann beispielsweise von einer Mutter erwartet werden, dass sie mit ihren Kindern in ein 50 km entferntes Frauenhaus zieht und damit ihr soziales Netz und das ihrer Kinder deutlich einschränkt? Oder kann von Müttern mit jugendlichen Söhnen erwartet werden, dass diese beim gewalttätigen Vater bleiben, da die Söhne im Frauenhaus nicht aufgenommen werden können?
Neben kurzfristigen Ausbauprogramme (z.B. Interims-Objekte, modulare Bauten) sollte, wie an vielen Stellen schon gefordert, eine langfristige regelhafte Finanzierung erfolgen und nicht einer Projektlogik folgend oder in Wahlperioden gedacht und gehandelt werden. Dabei sollten Kinder als Mitbetroffene konsequent mitgedacht und durch niedrigschwellige Angebote Zugangshürden abgebaut werden.
Die finanziellen Mittel sollten auch als Personalmittel genutzt werden. Neben konkreter Umsetzung verbindlicher Fachstandards sollte die Tätigkeit in Frauenhäusern und Beratungsstellen nicht nur langfristig und verstetigt besser vergütet werden, sondern es sollten auch Supervisions- und Fortbildungsmaßnahmen ermöglicht und ausgebaut werden.
FHK: Welche strukturellen und politischen Veränderungen sind notwendig, damit Hochrisiko-Management verbindlich etabliert und evaluiert wird?
Prof.in Hellmann: Meiner Ansicht nach wäre ein verpflichtender und flächendeckender Einsatz etablierter Risikotools in Verbindung mit den entsprechenden Schulungen für die Akteur*innen auf diesem Gebiet sinnvoll.
Prof.in Dr.in Deborah Felicitas Hellmann ist Professorin für Psychologie an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung Duisburg, NRW. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in Gewaltforschung, Femiziden und der Verbindung von Wissenschaft und Praxis im Bereich geschlechtsspezifischer Gewalt.
Foto: Pexels/Diva Plavalaguna
Das Interview ist ein Artikel aus unserer aktuellen Ausgabe der Fachinformation:





















