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Interview: „Die Frage ist nicht OB, sondern WANN“ – ein Frauenhaus in Quarantäne

Als eines der ersten Frauenhäuser bundesweit war das Frauen- und Kinderschutzhaus Heckertstift in Mannheim (Caritas) mit einem Corona-Fall unter den Bewohner_innen konfrontiert. Vom 26. März 2020 bis zum 11. April 2020 befand sich das Frauenhaus in Quarantäne. Im Gespräch mit FHK berichtet Leiterin Ruth Syren über ihre Erfahrungen und empfiehlt, wie sich Einrichtungen auf den Quarantäne-Fall vorbereiten können.

FHK: Frau Syren, Können Sie kurz schilden, wie es im Frauenhaus Mannheim zur Quarantäne gekommen ist?

Syren: In unserem Fall ist Ende März eine Bewohnerin erkrankt und wurde von ihrem Arzt zunächst auf Bronchitis behandelt. Am Donnerstag, den 23. März, ging es ihr plötzlich so schlecht, dass die Kolleginnen hier im Haus den Rettungswagen holen mussten. Sie kam in die Klinik, wo man sie erst einmal nicht auf Corona getestet hat, sondern auf Influenza. Der erste Corona-Test war dann auch negativ, erst der zweite Test war positiv. Am Samstag, den 26. März, erhielt unsere Rufbereitschaft von der Polizei den Anruf: Die Bewohnerin ist infiziert, Ihr Haus steht unter Quarantäne. Samstag ist dafür natürlich ein mordsgünstiger Tag…

FHK: Was waren dann Ihre ersten Schritte?

Syren: Wir hatten gottseidank die Handynummern von allen Frauen im Haus auf einer Liste notiert und alle Mitarbeiterinnen haben diese Liste auch zu Hause. Das ist ein wichtiger Tipp. Ich weiß gar nicht, wie wir das sonst hätten machen sollen. Nur so konnten wir dann jede einzelne Frau anrufen. Viele waren an dem betreffenden Samstag gar nicht im Haus und mussten schnell zurückbeordert werden.

Wir mussten dann alle zum Test, die Mitarbeiter_innen sogar noch am gleichen Tag. Ungünstigerweise muss man sich dort testen, wo der Corona-Fall ist. Eine Kollegin aus Karlsruhe musste also extra nach Mannheim kommen, um sich dort testen zu lassen. Dann bekommt man eigentlich die Anweisung, zu Hause zu bleiben, bis das Ergebnis vorliegt. Da habe ich das Gesundheitsamt angerufen und gesagt: Sie müssen mir eine Befreiung geben, es kann nicht sein, dass niemand mehr ins Haus kommt. Daraufhin haben wir erst erfahren, dass diese Anweisung schon überholt ist. Wir dürfen alle arbeiten, aber mit Mundschutz und Handschuhen. Gleich Samstag war ich also tatsächlich im Haus und habe mit den Frauen gesprochen, habe nochmal alles erklärt: den Sicherheitsabstand und andere Maßnahmen, was Quarantäne bedeutet, dass wir sie versorgen werden und sie sich keine Sorgen machen müssen. Die Angst war ziemlich präsent, es wollten auch alle gleich Mundschutz haben. Deshalb war es wichtig, beruhigend einzuwirken.

FHK: Wie haben Sie ab diesem Zeitpunkt gearbeitet?

Syren: Seit besagtem Samstag arbeiten wir fast komplett regulär im Haus. Nur nicht mehr ab 8 Uhr, sondern ab 9 Uhr und dann bleiben wir wie üblich bis 17 Uhr. Das war für die Frauen eine richtig gute Sache, weil wir ihnen damit die Panik genommen haben. Sie haben gesehen: Die sind ja auch da. Und natürlich läuft es in einem großen Haus mit so vielen Menschen auch anders, wenn das Team vor Ort ist.

Natürlich arbeiten wir nicht alle gleichzeitig, weil wir sonst den Sicherheitsabstand unter uns nicht gewährleisten können. Normalerweise sind wir zehn Kolleginnen, von denen in der Regel sechs Frauen am Tag vor Ort sind. Jetzt sind wir zu zweit oder zu dritt und machen auch Home Office. Das ist natürlich ein bisschen schwieriger. Und wir haben auch eine Kollegin, die einen Hochrisiko-Angehörigen hat und daher die Rufbereitschaften übernimmt, sodass sie vollständig von zu Hause arbeiten kann.

Wichtig ist eine hohe Wertschätzung gegenseitig. Gerade für die Kolleginnen, die nicht vor Ort sein können, ist es hilfreich, dass man respektiert, dass da einfach große Sorge besteht, eine Ansteckung mit nach Hause zu nehmen.

FHK: Welche Maßnahmen haben Sie für die Frauen getroffen?

Syren: Eigentlich sind wir ein Haus mit 18 Plätzen für 18 Frauen und 18 Kinder. Es haben vorher schon Plätze gefehlt, trotzdem haben wir die Plätze auch bei uns im Haus zusätzlich heruntergefahren und haben aktuell 13 Frauen im Haus. Auf jeder Etage haben wir ein Zimmer freigelassen, damit beispielsweise mehr Raum in den Gemeinschaftsküchen ist. Insgesamt gibt es vier Stockwerke und wir arbeiten auch immer nur stockwerksweise. Dass sich die Frauen auch innerhalb eines Stockwerks isolieren, ist eher unrealistisch. Gerade von einem Kind kann man das auch gar nicht erwarten. Da geht die Tür mal auf, die Frau geht aufs Klo und die Kinder sausen ins nächste Zimmer.

Außerdem muss man die Hygienemaßnahmen deutlich verschärfen in den Häusern und im Hauswirtschaftsbereich gut aufgestellt sein, das ist auch noch ein Rat. Wir haben regelmäßig Spüllappen ausgetauscht, weil das die Frauen aus Ersparnisgründen eher nicht tun. Auch Desinfektionsmittel für die Toiletten und Türgriffe haben wir bereitgestellt. Da muss man einfach als Haus investieren und das zahlen.

Am Ende waren wir selbst erstaunt: Es war nur diese eine Bewohnerin infiziert und niemand sonst. Es gab keine weiteren Infektionen.

FHK: Konnten Sie Ihre Beratungen weiter aufrecht erhalten?

Syren: Der direkte Kontakt zu den Frauen wurde während der Quarantäne schon eingeschränkt, das muss man sagen. Dadurch, dass wir die Telefonnummern der Frauen hatten, konnten wir mit ihnen über Handys telefonieren. Wir haben zwar Stockwerktelefone, aber wollten vermeiden, dass jede in die gleichen Telefonhörer hustet. Wir haben also viel über Handies mit den Frauen gesprochen, oder auch mit Abstand.

Viele behördliche Dienstleistungen konnten wir leider nicht mehr erbringen. Unser Ordnungsamt hat all unsere Termine, die wir für Frauen gemacht hatten, gecancelt. Das war natürlich ungünstig, denn beispielsweise ging es da um Ummeldungen und ohne Ummeldung bekommt man kein neues Bankkonto und all diese Sachen. Es ist also viel schwieriger für Frauen, Dinge zu erledigen, weil auch andere Einrichtungen gerade Home Office oder verkürzte Präsenzzeiten haben. Andererseits ist unser Job Center in Mannheim sehr großzügig gerade. Dass man andere Wege findet und in Vorleistung gehen kann, wenn jetzt kein Konto da ist, und so etwas, ist schon gut.

FHK: Wie sind Sie mit der infizierten Bewohnerin verfahren?

Syren: Die infizierte Bewohnerin war die ganze Zeit im Krankenhaus. Das war auch gut. Das Krankenhaus hätte die Bewohnerin gern schon früher ins Frauenhaus entlassen. Wir haben das abgelehnt und gesagt: das können wir nicht machen. Wir können die Frauen im Frauenhaus nicht isolieren. Die nutzen Gemeinschaftstoiletten, Gemeinschaftsküchen. So ist die Frau tatsächlich auch bis zum Ende im Krankenhaus geblieben – wahrscheinlich auch, weil Kapazitäten in den Krankenhäusern frei waren. Mein Tipp daher: Man muss nicht alle Anweisungen sofort hinnehmen, man kann durchaus auch die eigenen Bedingungen mitteilen, die im jeweiligen Frauenhaus herrschen.

FHK: Wie haben Sie die Kinderbetreuung geregelt?

Syren: Vor der Quarantäne haben wir die Kindergruppenarbeit stockwerksweise gemacht. Wir haben immer gesagt, die Stockwerke sollen sich nicht mischen, sodass eine Infizierung nicht über die Etage hinausgetragen wird. Für die Kinder ist das natürlich schwer auszuhalten.

Während der Quarantäne waren die Kolleginnen dann nicht mehr persönlich mit den Kindern in Kontakt. Stattdessen haben sie für jedes Kind eine Tasche gepackt mit Spielzeugen und altersgerechten Bastelanleitungen inklusive Bastelmaterial. Da waren Scheren drin, Kleber, Malstifte, Papiere, alles schön zusammen vorbereitet. Mütter und Kinder sind also wöchentlich mit schönen Materialien ausgestattet worden. Das ist ziemlich viel Arbeit, aber es hat ganz gut funktioniert und wurde dankbar angenommen – es waren ja alle ans Haus gebunden. Wir haben dann auch die Ergebnisse gezeigt gekriegt. Seit Ende der Quarantäne beschäftigen sich die Kolleginnen einzeln mit den Kindern im Hof.

FHK: Waren Sie also auf die Situation vorab ausreichend vorbereitet?

Syren: Schon bevor wir tatsächlich infiziert wurden, haben wir natürlich mit den Frauen über die Situation Corona gesprochen. Einige Frauen sind gut informiert, aber etliche leider gar nicht. Wir haben auch gesehen, dass Schutzmaßnahmen wie der Sicherheitsabstand nicht immer auf Verständnis stoßen und die Frauen zum Teil auch viel zu sorglos damit umgehen. Das ist ein bisschen schwierig. Deswegen haben wir sehr viele Versammlungen durchgeführt, um zu erklären, was das bedeutet und wie man die Hände wäscht und wie man Hygienemaßnahmen einhält und all diese Sachen.

Worauf wir nicht genug vorbereitet waren: Als wir in Quarantäne kamen, mussten plötzlich alle Frauen und Kinder, die hier leben, von Außen versorgt werden. Die Bewohnerinnen geben oft ein bisschen die Verantwortung für ihr Leben ab, wenn sie im Frauenhaus sind. Da sind ja andere, die für sie Sorge leisten. Einen zweiwöchigen Vorrat von Lebensmitteln hatten die Frauen im Haus einfach nicht. Null. Auch Dinge wie Duschgel oder Zahnpasta waren nicht vorrätig. Viele Frauen müssen an allem sparen und gegen Ende des Monats – und der positive Test kam gegen Ende des Monats – haben die Frauen einfach oft kein Geld mehr. Dann leben sie von den Sachen, die sie mal eingekauft haben. Die Frauen waren total überrascht: Ups, jetzt hat es uns getroffen. Entsprechend war nicht nur die Versorgung der Frauen mit Grundnahrungsmitteln oder Frischeartikeln nötig, sondern umfassend. Und das war natürlich eine große Herausforderung, eine richtige Mammutaufgabe. Das konnten wir nur stemmen, weil wir als Caritas-Haus auf die Caritas zugehen konnten, die einen Einkaufsservice angeboten haben. Das heißt, die Frauen haben Einkaufslisten geschrieben und die mussten wir erstmal strukturieren, dass dann nicht oben der Apfel steht, dann drei Sachen und dann die Gurke, sondern dass man beispielsweise jeweils Gemüse und Obst zusammenfasst. So haben die Frauen öfter Listen schreiben müssen, was auch zu Erkenntniszuwachs geführt hat. Trotzdem war aus aufwändig, alle Zettel erstmal zu übersetzen – Was wollen denn die Frauen genau? – und das dann effektiv umsetzen.  Die Bewohnerinnen konnten ja auch nicht zur Bank gehen, um Geld zu holen. Das heißt, die Einkäufe sind erstmal auf Kredit vom Frauenhaus gelaufen.

Nach der Quarantäne haben wir gesagt: Alle Frauen MÜSSEN sich für 14 Tage einen Vorrat von Grundnahrungsmitteln wie Nudeln, Salz, Öl usw. anlegen. Falls wir erneut in Quarantäne kommen, können wir diese Art des Einkaufs, wie wir ihn jetzt 14 Tage durchgeführt und organisiert haben, nicht mehr leisten. Wir können uns vorstellen, wöchentlich Äpfel oder Milch etc. en gros einzukaufen und das unter den Frauen zu verteilen. Aber dass jede eine persönliche Liste macht, würden wir nicht mehr tun. Deshalb ist es wichtig, dass man nochmal darauf guckt, dass die Frauen eine Grundversorgung haben.

Für Neuzugänge, die noch nicht im Leistungsbezug sind, ist das vielleicht schwierig. Aber es ist leichter für uns, eine Frau zu versorgen als 13.

FHK: Waren Sie im Haus sonst ausreichend ausgestattet?

Syren: Kolleginnen, die nähen konnten, haben Schutzmasken genäht, damit wurde das Team ausgestattet. Dann wurde auch im Caritasverband an verschiedenen Stellen genäht, sodass wir auch für die Frauen eine ganze Batterie an Masken bekommen haben. Das haben wir also alles selber gemacht.

Was man noch braucht und was erstmal eine Problematik war bei uns: Man soll ja den Bewohner_innen – allen Frauen und Kindern – zweimal täglich Fieber messen mit dem Ohrenfieberthermometer. Das hatten wir spontan nicht. Ohrenthermometer bekommt man vielerorts auch gar nicht mehr. Aber es gibt ja überall Zonta-Clubs, die sich für Frauen einsetzen. Die haben sich sofort stark gemacht und überlegt, wo bekommen wir ein Fieberthermometer her. Das hätten wir selbst gar nicht geschafft und die sind dann in irgendein Kaff, wo es noch Thermometer gab. Und plötzlich hatten wir vier, plus entsprechende Schutzhüllen.

FHK: Gab es auch von anderen Seiten Unterstützung?

Syren: Was Sachspenden angeht, haben wir unglaublich viel Unterstützung bekommen vom Verband, aber auch von vielen Organisationen. Zum Beispiel haben wir viel Bastelmaterial erhalten, Spielsachen, Malbücher für die Kinder. Wir mussten ja sicherstellen, dass die Kinder beschäftigt sind und brauchten Dinge, die nicht zu kompliziert sind. Da haben wir taschenweise tolle Sachen bekommen.

Von Spenden konnten wir auch die Einkäufe bezahlen und alles Mögliche für die Frauen. Das ist deshalb auch ein guter Rat: Als Frauenhäuser sind wir sehr gut vernetzt zu allen möglichen Organisationen und Wohlfahrtsverbänden. Man darf sich ruhig trauen, an die Organisationen heranzutreten und um Unterstützung zu bitten. Wir bekommen auch heute wieder 130 Eier, wir haben Toilettenpapier bekommen, wir haben Äpfel geliefert gekriegt. Einer Heidelberger Stiftung hat uns einen Geldbetrag angeboten. Wenn man sagt: „Da brauchen wir Hilfe!“ gibt es ganze viele, die sagen: „Da helfen wir!“.

FHK: Haben Sie denn durch Corona und die Quarantäne mehr auf technische Hilfsmittel umgestellt?

Syren: Man braucht gute Kommunikationswege, gerade wenn man im Home Office sitzt und sich nicht so regelmäßig sieht. Wir haben eine WhatsApp-Gruppe gegründet im Team, um ganz schnell Informationen an alle zu geben. Das geht eben doch schneller als per E-Mail etc. Wir haben natürlich auch ein Übergabebuch, aber soviel kann man da gar nicht reinschreiben. [FHK empfiehlt aufgrund der höheren Datensicherheit die Nutzung des messengerdienstes Signal.]

Außerdem haben wir eine Spende bekommen, weil wir gesagt haben: wir müssen jetzt investieren in Home-Office-Arbeit und auch in Computer, sodass jede ein Notebook hat. Die Lage zeigt ja gerade, wie wichtig solche Ausstattung ist, und macht natürlich auf Mängel aufmerksam, die vorher schon da waren. Die fallen einem jetzt auf die Füße. Das Sozialministerium Baden-Württemberg hat angekündigt, Gelder zur Verbesserung des Equipments bereitzustellen. Aber davon ist noch nichts da und wir bräuchten es einfach jetzt. Deshalb ist es gut, wenn wir Unterstützung von vielen kriegen, auch von Organisationen, und jetzt schon einmal loslegen. Alle, die noch nicht in Quarantäne sind, die können sich jetzt schon vorbereiten und gucken, wie sie sich jetzt ausstatten. Denn wenn es einmal soweit ist, wäre es gut, wenn alles schon da ist.

FHK: Wie ging es nach der Quarantäne weiter?

Syren: Es ist ja insgesamt nicht die Frage, ob wir alle uns anstecken oder nicht anstecken, sondern wir sollen uns nicht alle gleichzeitig anstecken. Aber dass alle in irgendeiner Form eine Infektion haben werden und es zu weiteren Quarantänesituationen kommt, davon muss man schon ausgehen, zumindest in einem Frauenhaus wie unserem. Wir haben 18 Plätze für 18 Frauen und 18 Kinder, das sind viele Menschen, die sich frei bewegen. Es ist also eher eine Frage des Wann als des Ob.

Als die Frauen wieder raus durften, haben wir deshalb sofort gesagt: JETZT müssen alle Frauen loslaufen und einkaufen, das machen wir nicht nochmal. Gucken Sie, dass Sie sich einen Vorrat anschaffen.

Außerdem überlegen wir gerade hin und her, ob wir eines unserer vier Stockwerke komplett freimachen und das Stockwerk dann zur Quarantänestation erklären. Das hätte den Vorteil, dass wir durch eine Neuaufnahme nicht gleich wieder ein ganzes Haus infizieren – eine Frau bekäme ein Stockwerk, wo sie eine Toilette und eine Dusche allein benutzt und nach einem Negativtest könnte sie dann ggf. in ein anderes Stockwerk verlegt werden. Im Moment ist es bei uns schwierig, dieses Stockwerk freizukriegen, weil wir die Frauen nicht in anderen Zimmern unterbringen können. Insofern ist das keine zeitnahe Lösung. Es wäre natürlich am schönsten, wenn wir eine eigene Schutzwohnung hätten, von der wir sagen könnten: das ist eine Außenstelle, eine Wohnung, die wir als Quarantänewohnung sehen, die wir belegen und dann ins Haus nehmen könnten.

Wir müssen ja auch der Tatsache ins Auge blicken, dass mit den Lockerungen auch mehr Frauen kommen und wir einen Ansturm erleben werden. Im Moment passiert bei uns eher genau das Gegenteil, nämlich ein totaler Einbruch der Zahlen. Wir haben noch nicht einmal die Anzahl der Anrufe und Anrufe von vor Corona. Die Frauen haben anscheinend im Moment keinen Zugriff auf das Hilfesystem, sie sind zu sehr kontrolliert und haben keine Möglichkeit anzudocken.

FHK: Werden in Mannheim auch alternative Schutzunterkünfte wie Hotels oder Ferienwohnungen genutzt?

Syren: Es gibt Überlegungen mit Ferienwohnungen, aber ich denke, da muss man ein bisschen vorsichtig sein. Ersatzunterkünfte zu schaffen, wird nicht unbedingt das größte Problem werden. Das größere Problem wird sein, die Frauen, die dort untergebracht werden, auch gut zu betreuen. Wer ist zuständig dafür, wenn Frauen keine Dokumente und kein Konto haben? Wie werden sie versorgt? Es handelt sich ja dann um Frauen, die aus einer akuten Gewaltsituation kommen und entsprechend erstmal einen höheren Bedarf an Unterstützung hätten. Wir können dort aber viel weniger betreuen, selbst wenn wir jeden Tag eine Stunde zur Wohnung hinfahren würden. Und schon das wäre schwierig. Es ist ja deutlich mehr Arbeit, wenn ich dezentral Leute aufsuche, als wenn ich alles in einem Haus habe. Das wird sicherlich viel höhere personelle Ressourcen erfordern, als es im Moment gibt. Wir als Frauenhaus haben mit der Stadt Leistungsvereinbarungen für 18 Frauen, 18 Kinder. Wenn dann kommunal untergebracht wird, dann stimmt ja auch der Schlüssel nicht mehr. Das heißt, neue Plätze nutzen nicht viel, wenn ich keine Mitarbeiterinnen dazu habe.

Außerdem ist das Sicherheitsbedürfnis der Frauen sehr groß. Deswegen unterstützt und schützt in einem Frauenhaus ja auch die Gemeinschaft. Wenn Frauen einzeln untergebracht sind, wird das schwierig sein.

FHK: Welche weiteren Punkte müssten in Ihren Augen bei alternativen Unterkünften bedacht werden?

Syren: Wenn man mehr Ferienwohnungen anmietet als es Frauenhausplätze gibt, was macht man denn dann auf Dauer mit den Frauen in den Ferienwohnungen? Im vergangenen Jahr waren die Frauen durchschnittlich 140 Tage bei uns. Die Frauen, die dann in eigene Wohnungen gezogen sind, waren sogar über ein Jahr bei uns. Nun hat sich ja die Wohnungssituation in Mannheim und anderen Städten nicht entspannt. Wie lange sollen denn Frauen in solchen Ferienwohnungen untergebracht und betreut werden? Man muss ja auch sehen, dass die Kosten der Unterkunft für Ferienwohnungen deutlich höher sind als im Frauenhaus. Wir haben hier Kosten von 10€ pro Person und Tag. Das schaffen Sie in einer Ferienwohnung nicht.

Die Polizei wurde auch angefragt, ob sie sich vorstellen könnte, vermehrt Wohnungen zu bewachen oder regelmäßig vorbeizufahren, aber auch die hat in Zeiten von Corona weniger Ressourcen. Und sagt mit Recht: Es ist bestimmt nicht im Vermieterinteresse, dass mehrmals täglich die Polizei vorfährt. Und wenn dreimal die Polizeiwägen durch die Gegend gefahren sind, weiß auch jeder, was dort los ist. Das müssten also dann Zivilbeamte in Zivilautos und -kleidung sein.

Der Tipp nochmal: Wenn es alternative Wohnungen geben sollte – von der Kommune oder wem auch immer – muss klar sein, dass die Belegung dieser Wohnungen auch nur über die Frauenhäuser organisiert wird. Also dass die Mitarbeiter_innen der Frauenhäuser die Aufnahme regulieren und nicht die Polizei irgendjemanden absetzt oder andere Stellen, die viele Schritte womöglich gar nicht kennen. Das muss klar sein. Wenn wir als Frauenhaus noch eine Außenwohnung hätten, dann könnten wir die belegen und das steuern. Wenn dann plötzlich 15 Wohnungen von irgendjemandem belegt werden, können die nicht von uns betreut werden.

FHK: Wo wünschen Sie sich (mehr) Unterstützung?

Syren: Da habe ich auch einen Rat, denn das funktioniert in Mannheim noch nicht gut: Wenn es Notpläne gibt und man überlegt, wie eine Kommune, ein Kreis o.ä. sich gut vorbereiten kann, dann muss es ein abgestimmtes Verfahren mit allen Beteiligten sein. Die Häuser können nicht nur die Handlanger sein. Das kann man ja in Video-Konferenzen abklären. Die Mitarbeitenden vor Ort wissen am besten, was gebraucht wird und Sinn macht. Das kann man nicht pauschal vorgeben. Das ergibt nur Sinn, wenn es in Abstimmung erfolgt.

FHK: Gibt es weitere Tipps, die Sie nach Ihren Erfahrungen für Ihre Kolleginnen in der Praxis haben?

Syren: Es ist wichtig, dass sich alle Häuser vor Ort genau informieren: Wie ist bei uns das Verfahren, wenn wir eine infizierte Person haben? Wie müssen wir vorgehen? Alles an Informationen – Wo muss ich hingehen? Wer muss im Verband informiert werden? – hängt bei uns im Büro aus. Es ist beispielsweise ganz klar, wo die Tests stattfinden oder was die Voraussetzungen sind. Das müsste sich jedes Haus zurechtlegen als Information. Wenn der Fall eintritt, ist es zu spät. Wir hatten das gut gemacht und waren deshalb eigentlich gut aufgestellt. Wir haben auch die Nummer der Rufbereitschaft für das Haus beim Gesundheitsamt und der Polizei hinterlegt. Und jede Kollegin hat die Informationen mit nach Hause genommen. Am Arbeitsplatz hat man ja immer alles. Aber so etwas erwischt einen eben auch dann, wenn man nicht am Arbeitslatz ist. Deshalb muss man die Informationen dort haben, wo man gerade ist, sodass man sehr schnell reagieren kann.

Und zu guter Letzt: Es ist gut, wenn man keine Panik hat. Bei uns ist es sehr gut ausgegangen, die Bewohnerin ist gesund zurückgekommen. Es lässt sich arbeiten. Es lässt sich auch mit Mundschutz arbeiten. Das ist vielleicht etwas heiß drunter, aber es funktioniert. Und wenn man selbst keine Panik hat, wirkt sich das auch beruhigend auf das Haus aus. Deshalb ist es wirklich wichtig, dass man da nicht in Panik verfällt.

 

Das Gespräch führte Elisabeth Oberthür am 16. April 2020.